Meine Fahrradweltreise

Monat: Dezember 2025 (Seite 1 von 1)

GESCHAFFT!

Dieter ist nach 2 Tagen Aufenthalt in Agadir noch immer nicht ganz fit – wir beschließen daher, auch die nächste Etappe bis Guelmim („Das Tor zur Sahara“) mit dem Bus zu fahren. 15 km östlich von Guelmim liegt eine Oase „Tighmert“ und dort werden sehr nette Unterkünfte angeboten. Wir entscheiden uns für „La Maison de l‘Homme Bleu“ (das Haus des blauen Mannes) – die Tuaregs (Nomaden) werden hier auch „Blaue Männer“ genannt, weil sie sich mit indigoblauen Dschellabas und Turbanen kleiden. 

Wir radeln also die 15km von der Bushaltestelle in Guelmim bis zur Oase und das war wirkliches Genussradeln. Eine asphaltierte Strasse, fast kein Verkehr, leichter Rückenwind, keine Steigungen, angenehme 18 Grad und Sonnenschein – wann immer wir bei einem Haus vorbeikommen, wird uns begeistert zugewunken; so oft kommen wahrscheinlich keine vollbepackten Radler vorbei.

Und der Genuss geht weiter – die Unterkunft in der Wüste ist ein Traum. Unter Palmen gelegen, mit viel Liebe gestaltet: wir haben uns von Anbeginn an wohlgefühlt. Brahim, unser Gastgeber, ein äußerst sympathischer und gutaussehender Tuareg erzählt uns in perfektem französisch die Geschichte seiner Familie und dieses Hauses. Sein Vater, der 1910 geboren wurde, hat noch als Nomade gelebt. Er hatte 10 !!! Ehefrauen – Brahim ist das jüngste Kind der letzten Frau, die 1950 geboren wurde und bereits mit 13 Jahren mit dem 40 Jahre älteren Mann verheiratet wurde. „Damals war das üblich – heute kommt das nicht mehr vor. Die Zeiten haben sich geändert.“ meint Brahim, der auch bereits verschiedene europäische Länder bereist hat. Die Digitalisierung hat auch hier Einzug gehalten – in der Oase haben wir superschnelles Internet – da das Quartier (es gibt ohnehin nur 4 Zimmer) online über booking.com vermarktet wird, ist Brahim darauf angewiesen. 

Gleich nach der Ankunft am Nachmittag werden wir mit einer Kanne Minztee und Datteln verwöhnt, serviert in einer schattigen Laube unter Palmen. Und zum Abendessen gibt es ein Gemüseomlett als Vorspeise, dann eine Tajine mit Dromedar, Quitten, Pflaumen und Zwiebeln mit hausgemachtem Fladenbrot und als Abschluss eine karamellisierte Apfeltarte. Alles hat sehr fein gemundet.

Nach einem ausgiebigen Frühstück (mit Brot, Oliven- und Arganöl, Honig, Mandelmus, Käse und Kaffee) und einer herzlichen Verabschiedung geht es am nächsten Tag wieder zurück nach Guelmim. Wir fahren noch eine Etappe mit dem Bus – unser Tagesziel ist Akhfennir am Atlantik. Was für ein Kontrast zur Oase! Dieses Akhfennir ist ein trostloses, dreckiges Wüstenkaff (ca. 3000 Einwohner) – der ganze Verkehr Richtung Mauretanien und Senegal bewegt sich entlang der einzigen asphaltierten Strasse durch den Ort. 

Wir haben aber Glück mit dem Quartier. „Chez Eric“, direkt am vermüllten Strand gelegen, hat ein Zimmer frei. Eric ist ein pensionierter französischer Kriminalbeamter (Dieter, der ja auch pensionierter Kriminalhauptkommissar ist hat sich gleich sehr gut mit ihm verstanden), der mit seiner viel jüngeren marokkanischen Ehefrau Naima eine Pension betreibt – ein wirklicher Lichtblick in dieser tristen Umgebung. Die Zimmer einladend, sehr sauber, schönes Badezimmer. Und es gibt ausgezeichnetes Abendessen und Frühstück. Am Abend setzt starker Regen, begleitet von heftigen Sturmböen ein. In der Nacht höre ich, wie der Regen, der offensichtlich waagrecht daherkommt, gegen die fest geschlossenen Fenster trommelt. Dann am nächsten Morgen, als ich aus dem Bett steige: der Boden des Zimmers steht unter Wasser. Die Bettvorleger vollgesogen mit Wasser, auch mein kleiner Stoffrucksack, der am Boden unter dem Fenster lag komplett nass. Im Rucksack bewahre ich u.a. den Reisepass auf und der hat einiges abbekommen. Das glaubt mir jetzt keiner: Mitten in der Wüste in einem geschlossenen Raum wird mein Reisepass durch Wassereintritt (die haben bei den Fenstern offensichtlich keine Dichtungen, weil sie diese normalerweise auch nicht benötigen) beschädigt. Ich lege ihn mal zum Trocknen auf die Anrichte.

Nach Tarfaya sind es nur noch 101 km – sobald die Wettervorhersage passt, wollen wir diese Strecke radeln. Für den nächsten Tag schaut es gut aus, Sonne und ein paar Wolken und das ganze bei 18 Grad – besser wird‘s nicht mehr. Raus gehts aus Akhfennir bei Sonnenschein – wir rechnen damit, Tarfaya in 7 Stunden zu erreichen. LKW Fahrer und Lenker der Abenteurer-Expeditionsfahrzeuge (die man hier manchmal sieht) winken uns begeistert zu oder zeigen uns mit einem „Daumen hoch“ ihren Respekt. Radfahren durch die Wüste – das macht nicht jeder (nur so Wahnsinnige wie wir). Tafeln am Straßenrand warnen vor Sandverwehungen und Kamelen, die die Fahrbahn queren. Die Strasse, asphaltiert und 4-spurig (2 Fahrbahnen/Richtung) mit wenig Verkehr. Links und rechts Sand- und Steinwüste, immer wieder sieht man Skelette aus dem Sand ragen. Nach dem Starkregen lugt hier und da auch etwas grün hervor. Nach 10 Kilometern verzieht sich die Sonne und es beginnt zu tröpfeln. Der Regen wird stärker und es dauert nicht lange, bis unsere äußere Kleidungsschicht komplett durchnässt ist. Nirgendwo eine Möglichkeit, sich unterzustellen. Dazu kommt Gegenwind – viel schlimmer kann es nicht mehr werden. Die Fahrzeuge, die uns überholen, sind voll bepackt – es hat keinen Sinn, sie anzuhalten. 

Dieter ist an einem Tiefpunkt angelangt („ich bin total am Arsch“)- mittlerweile bin ich die Schnellere und er fährt in meinem Windschatten. Irgendwann wird der Regen weniger und nach ca. 40 Kilometern zeigt sich wieder die Sonne. Mitten im Nirgenwo machen wir eine Pause – Bananen, gebrannte Erdnüsse und ein paar Kekse geben ein bisschen Kraft – weiter gehts, es ist noch ein breiter Weg nach Tarfaya.

Nach 75 Kilometern kommt eine Tankstelle mit kleinem Supermarkt und Café – wir gönnen uns 2 kräftige Espressi und essen die letzten Kekse auf – es sind nur noch 25 Kilometer bis Tarfaya. Und dann wird es richtig zäh – der Gegenwind ist stärker geworden und mein ständiger Blick aufs Handy, wo die Komoot-App die noch zu fahrenden Kilometer anzeigt trägt auch nicht grad zur Motivation bei. Dass der letzte Radlertag so mühsam sein muss!

Aber dann, kurz vor 18:00 reiten wir auf den Drahteseln in Tarfaya ein – auf den Tag genau 12 Wochen, nachdem wir in Paris losgeradelt sind. Wir haben Sand in den Haaren, im Gesicht und sogar im Mund. Und das, obwohl kein Sandsturm war (der viele Regen hat das verhindert) – es ist aber trotzdem viel feiner Sand in der Luft.  Insgesamt fast 4.000 Kilometer und 24.000 Höhenmeter in den Wadln – jetzt freuen wir uns aufs Chillen und Nichtstun! Und so schnell werde ich den Helm nicht wieder aufsetzen.

Am Abend lese ich, dass es in Safi, wo wir erst vor 1 Woche waren, viele Tote aufgrund von schweren Überschwemmungen gibt. Wir hatten ja fast die gesamte Strecke Glück mit dem Wetter: Im Frankreich waren die Oktobertemperaturen noch so angenehm, dass wir im Atlantik baden konnten. In Spanien haben wir die paar Regentage genützt, uns auszuruhen und auch in Marokko war uns der Wettergott die meiste Zeit hold. Glück hatten wir nicht nur mit dem Wetter, sondern auch unsere Gesundheit hat gut mitgespielt – abgesehen von den Knieschmerzen und der Magen-Darm-Geschichte bei Dieter (beides ist schon wieder gut) gab es keinerlei Schwierigkeiten. Und nicht zu vergessen: Dieter und ich waren ein Super-Team. Wir haben uns ja über eine Reiseplattform kennengelernt und vor der gemeinsamen Tour nur 2x getroffen. Unkompliziert, humorvoll, hilfsbereit und ein gemeinsames Ziel vor Augen, so gelingt Paris-Tarfaya!

Morgen wird Rupi, der Segler, mit dem ich vergangenen Winter auf den Kanaren verbracht habe, mit seinem Segelboot in Tarfaya ankommen und wir werden dann zu dritt nach Fuerteventura segeln. Dieter wird sich zu Weihnachten mit seinen Töchtern auf Teneriffa treffen und ich werde die restlichen Wintermonate ebenfalls auf den Kanaren verbringen. Und ab und zu sicher auch eine Radtour unternehmen. 

Rad fährt Bus – ganz unkompliziert in Marokko

Brahim, ein „Blauer Mann“ (Tuareg)

in der Oase

zur Begrüßung gibts Minzetee und Datteln

und zum Abendessen Tajine mit Dromedar, Quitten, Pflaumen und Zwiebeln

Dieter‘s Hinterrad braucht wieder mal fachmännische Betreuung

Akhfennir, das hässliche Wüstenkaff am Atlantik

aber bei Eric lässt sich‘s aushalten

Eric, der pensionierte Kriminalkommissar aus Frankreich gemeinsam mit Naima, seiner marokkanischen Frau

Achtung: Sandverwehungen!!

ABNUTZUNGS-ERSCHEINUNGEN

Nach unserem Wochenende in Fes nehmen wir auch zurück nach Kenitra an der Küste wieder den Zug, der – wie schon bei der Hinfahrt – voll besetzt ist. Fahrradmitnahme ist in den marokkanischen Zügen leider nicht gestattet – wir haben daher unsere Räder und einen Teil unseres Gepäcks beim Vermieter unseres Apartments gelassen. Er ist so nett und holt uns mit seinem Auto vom Bahnhof ab und lädt uns vor unserer Weiterfahrt noch zu sich in die Wohnung ein. Seine Frau serviert kräftigen Kaffee und marokkanische Mehlspeisen (Dieter ist mittlerweile ein großer Fan dieser süßen Versuchungen). Herr Zerhouni, der Vermieter ist ein richtiger Sir – immer herausgeputzt und fein gekleidet. Stolz zeigt er uns seine schöne Wohnung im 6. Stock eines Wohnblocks – von den Balkonen der 130m2 grossen Unterkunft sieht man auf einen Park. Die Wohnung sei mittlerweile viel zu gross für ihn und seine Frau, meint er. Die 3 Kinder, die so wie er auch alle im Ausland studiert haben, sind längst ausgeflogen und haben eigene Familien. Die älteste Tochter lebt in Stockholm, wo sie mit einem türkischen Banker verheiratet ist und 2 kleine Kinder hat. Die 2. Tochter lebt mit ihrem marokkanischen Gatten in Paris, wo sie in einer gehobenen Position in der Verwaltung tätig ist. Nur der Sohn ist in Marokko geblieben – er lebt mit seiner Familie ein paar hundert Kilometer entfernt in El Jadida. „Aber zu Weihnachten kommen alle wieder auf Besuch  – darauf freuen wir uns besonders. Und zum Glück gibts WhatsApp, so bleiben wir immer in Kontakt.“

Für uns gehts radelnd weiter an der Küste entlang Richtung Süden. Zuerst durch eine sehr ärmliche Gegend mit einfachen Hütten und losem Untergrund und Kakteen am Wegesrand (zu Sturz kommen darf man hier nicht), dann auf der Bundesstraße, die glücklicherweise nicht allzu stark befahren ist. Wir fahren durch Rabat, die Hauptstadt des Landes, und sind überrascht von den vielen modernen Gebäuden. Ganz neu errichtet wurde das königliche Theater und der Mohammed VI Tower, das 2. höchste Gebäude Afrikas. Auch die Medina, die wir mit den Rädern durchqueren, wirkt nach unseren Eindrücken aus Fes und Tanger etwas strukturierter und aufgeräumter. Und wir fahren in Marokko zum 1. mal auf einem Radweg – okay, es ist zwar nur so ein „Fake-Radweg“, der baulich nicht vom restlichen Verkehr abgetrennt ist, aber immerhin ist ein schmaler Streifen auf der Fahrbahn für Radfahrer reserviert. 

Südlich von Rabat (am Atlantik) reiht sich Feriensiedlung an Feriensiedlung – teilweise muss man an Schranken mit Wachposten vorbei, um das Areal betreten zu können. Und wo die Küste noch nicht verbaut ist, stehen Baukräne. Auf grossen Plakatwänden werden Wohnungen (um umgerechnet € 70.000,00) und Häuser (um umgerechnet € 600.000,00) angeboten. Fraglich ist, wieviele Marokkaner sich so etwas leisten können.

Irgendwo in dieser Gegend habe ich dann auch eine nicht so angenehme Begegnung mit Hunden. Dieter fährt – wie fast immer – etwas vor mir, als plötzlich ein ziemlich großer Hund aus dem Gebüsch springt und mich aggressiv anbellt. Ein zweiter Vierbeiner schließt sich an, sodass ich – flankiert von 2 Hunden – anfange so schnell wie möglich zu radeln. Ein Hund hat mich bereits eingeholt und versucht, mich ins Wadl zu beißen. Ich hebe sicherheitshalber beide Beine in die Höhe, sodass er mich nicht zu fassen kriegt. Dieter ist durch das laute Gebell auf meine Notsituation aufmerksam geworden. Er dreht um, erhebt sich, sodass er mit den Füssen auf den Pedalen steht (und dadurch noch größer wirkt, als er ohnehin schon ist) und kommt mit hoher Geschwindigkeit und lautem Geschrei auf uns zu. Ein Hund dreht sofort um, der zweite gibt noch einen wilden Laut von sich, bevor er den Schwanz einzieht und wieder im Gebüsch verschwindet. Mein Puls beruhigt sich wieder – obwohl ich schon so viele Hundeattacken in Süditalien und im Kaukasus erlebt habe – daran gewöhnen werde ich mich wohl nie.

Wir folgen normalerweise immer den Routen, die uns Komoot vorschlägt. Diesmal führt uns der Weg in ein vermeintliches „Wohngebiet“ – am Eingang ist ein Wachposten, der so in sein Handy vertieft ist, dass er nicht bemerkt, wie wir uns am Schranken vorbeischlängeln. Uns fällt dann aber auf, dass alles extrem sauber und der Rasen auf den mm genau geschnitten ist. Einfach zu perfekt. Lauter schöne Villen mit blühenden Sträuchern. Ein Jogger kommt uns entgegen und schaut uns verwundert an. Nach 2km wieder ein Wachposten: 4 uniformierte und bewaffnete Männer. Sie weisen uns freundlich, aber unmissverständlich in perfektem französisch darauf hin, dass wir uns auf königlichem Areal befinden und hier keinesfalls weiterfahren dürfen. Okay, dann kehren wir halt um.

Die nächste Herausforderung, die auf uns wartete war Casablanca. Beide hatten wir großen Respekt vor dem Radeln in dieser 3,2 Mio Einwohner Stadt. Radwege gibt es natürlich nicht. 15km vor dem Tagesziel im Zentrum machen wir noch eine kurze Pause. Wir befinden uns bereits in einer Einfallsstrasse, es ist 16:00, das heisst Rush Hour. Noch schnell einen Schluck trinken, eine Banane und ein paar Walnusskerne essen – Nervennahrung. Volle Konzentration und los gehts – rein in den Wahnsinn. Dieter fährt vor. Autos (viele fette Schlitten), LKWs, Mopeds – immer wieder Stau. Ampeln gibt es fast gar nicht, aber viele Kreisverkehre. Und wer am forschesten ist, fährt einfach. Zebrastreifen gibt es zwar – die werden aber von allen ignoriert. Ganz wichtig ist: Blickkontakt zu den anderen Verkehrsteilnehmern und dann das kurze Nicken des anderen abwarten, bevor man in die Pedale tritt. Sehr viele Fahrzeuge stehen in 2. Spur, d.h. ständig muss man Spur wechseln – ich weiss nicht, was ich ohne meinen Rückspiegel gemacht hätte.  Es wäre interessant gewesen, diese Fahrt in das Stadtzentrum mit einer Drohne zu filmen – wir haben das nämlich ganz souverän gemeistert und sind gut in unserem wunderschönen, sehr modernen Apartment direkt an der Fußgängerzone gelegen, angekommen. 

Südlich von Casablanca gehts dann weiter durch ländliches Gebiet. Da es vergangenes Wochenende stark geregnet hat, leuchtet es überall zart grün. Und die Bauern bestellen ihr Land mit einfachsten Mitteln: der Einscharpflug wird von nur einem Esel gezogen. Das Saatgut wird mit der Hand ausgestreut, selten sieht man landwirtschaftliche Maschinen. 

Wir halten in einem kleinen Dorf, um Getränke zu kaufen. In einem primitiven Verschlag werden wir fündig: Wasser und Zitronenlimonade wechseln um umgerechnet ein paar Cent die Besitzer. Der Ladenbesitzer – er heisst Mohammed-  hat sicher noch nie einen Touristen als Kunden begrüßt. Gut ausgestattet mit Getränken, die wir gleich in unsere am Rad befestigten Trinkflaschen umfüllen, schwingen wir uns wieder in den Sattel. Etliche Kilometer weiter in einer kleinen Stadt lockt ein Café. „Moni, Bock auf Kaffee?“ „Ja, klar.“ Wir nehmen Platz. „Wo ist mein Rucksack?“ fragt Dieter – sichtlich nervös. Nun muss man dazu sagen, dass Dieter dazu neigt, seinen Rucksack, in dem er Snacks, Reisepass,… aufbewahrt irgendwo liegen zu lassen (ist bis jetzt auf unserer Tour 3 x passiert und immer gut ausgegangen). Ich verdrehe die Augen – wie kann man nur so schusselig sein – und rechne bereits mit einer längeren Reiseunterbrechung, weil Dieter auf seinen neuen Pass warten muss, nachdem er ihn auf der deutschen Botschaft in Rabat beantragt hat. In den meisten Unterkünften in Marokko muss man den Reisepass vorweisen – ohne Pass können wir also auch nicht großartig herumreisen.

In dem Moment kommt Mohammed, der Ladenbesitzer zu uns an den Tisch. In der Hand der schon verloren geglaubte Rucksack. Dieter hat tatsächlich seinen Rucksack beim Einkaufen im Laden liegen lassen. Mohammed hat sich daraufhin ein Fahrzeug organisiert und ist die Strasse entlang gefahren bis er unsere Fahrräder, die wir vor dem Café abgestellt hatten, entdeckt hat. Dieter fällt ein Stein vom Herzen und will sich erkenntlich zeigen, was Mohammed aber entschieden ablehnt. „Shokran katiran!“

Es gibt also nicht nur Bösewichte, die einem das Handy rauben wollen, sondern einfach nette Leute, die einem selbstlos helfen.

Die Straßen bzw. Wege, die wir entlang fahren stellen teilweise eine große Herausforderung dar. Auf den asphaltierten Hauptstraßen ist es der starke Verkehr, der uns zu schaffen macht und auf den Nebenstraßen ist es der oft sehr ruppige Untergrund, der vor allem unseren Rädern das letzte abverlangt. Dieter hat bereits in Südspanien bei einer wilden Abfahrt über eine Holperpiste ein paar Speichen seines Hinterrades verloren – in der nächsten Ortschaft gab es glücklicherweise eine Fahrradwerkstätte, wo der Schaden wieder behoben wurde. Wir haben dort auch gleich beide Fahrräder servicieren lassen, damit sie fit sind für Marokko.

Kurz vor Loualidia macht Dieter’s Hinterrad aber wieder Probleme – wir haben an dem Tag 100 Kilometer zu radeln und 80 haben wir bereits geschafft. Die Piste ist so ruppig und wild, sodass sich sämtliche Speichen seines Hinterrads gelöst haben und die Felge so instabil und verzogen ist, dass an ein Weiterradeln nicht zu denken ist. Es ist ausserdem bereits 16:30 und in unserer Unterkunft in Loualidia ist check-in nur bis 18:00 möglich.  Also beschließen wir, dass ich allein zum noch 20km entfernten Hotel auf einer Asphaltstraße mit viel Verkehr vorfahre und Dieter sein Rad schiebt und versucht, eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren. Ich komme rechtzeitig an im Quartier und kurz nach mir ist auch Dieter bereits da – mit repariertem Fahrrad!  Er wurde – sein Rad schiebend – von Rafik, der an der Strasse entlang ging, angesprochen. Welches Glück: Rafik hat in Hamburg studiert und spricht perfekt deutsch. Er organisiert kurzerhand ein Auto, das Dieter samt Drahtesel nach Loualidia, wo sich auch eine Radwerkstätte befindet, transportiert. Der Mechaniker bringt in seiner kleinen Werkstatt alles wieder in Ordnung für 10 Dirham (1 €), sodass Dieter rechtzeitig noch vor Sonnenuntergang in der Unterkunft ankommt. Dort genießen wir ein vorzügliches Abendessen – mit Blick auf die Lagune mit vielen bunten Fischerbooten und begleitet vom Rauschen des Atlantiks.

Die Strecke hinterlässt Spuren – nicht nur an den Rädern, sondern auch an den Radfahrern. In der Nacht hat Dieter so heftige Schmerzen im linken Knie, sodass erst nach Einnahme von 2 Ibuprofen an Schlaf zu denken ist. Am nächsten Morgen noch eine Tablette, bevor wir in das nur 70km entfernte Safi weiterradeln. 

Und dann ist Schonung angesagt. Wir nehmen für die nächste Etappe nach Essaouira den Bus. Ganz einfach online zu buchen (allerdings kann man keine Radmitnahme online buchen) sind wir 30 Minuten vor der geplanten Abfahrtszeit am Busbahnhof in Safi. Am CTM Schalter zeige ich meine Tickets vor und sage, dass wir auch 2 Fahrräder mitnehmen wollen. Zack-zack sind 2 Tickets für unsere Drahtesel ausgestellt (3 € pro Rad) – der CTM Mitarbeiter spricht gutes Englisch – und die Räder werden sogar stehend im hohen Gepäcksabteil des Busses befördert. 

Man merkt jetzt bei jedem Meter, den wir uns südwärts bewegen, dass die Wüste näher kommt. Das Land wird immer trockener, man sieht Ziegen, die in die Kronen der knorrigen Bäume klettern und dort an grünen Blättern naschen, weil sie am Boden zu wenig Nahrung finden und ab und zu auch Kamele. Und spürbar heißer wird es auch – untertags hat es in der Sonne ca. 26 Grad. 

In Essaouira, einer sehr interessanten Hafenstadt mit Hippie-Flair und vielen Touristen (aber weit entfernt von over-tourism) wohnen wir wieder in einem schönen Riad, wo uns beim Frühstück auf der sonnigen Dachterrasse eine freche Möwe glatt ein Croissant stiehlt und damit davonfliegt. Dieter gönnt sich eine Rasur beim barber. Sein Knie ist etwas besser, aber noch immer nicht ganz gut und ab und zu schluckt er noch Ibuprofen. Wir beschließen daher, bis Agadir mit dem Bus weiter zu fahren. Auch diesmal klappt es wieder einwandfrei mit der Fahrradmitnahme – der Buschauffeur und der Ticketverkäufer von CTM wollen alle Details zu unseren mittlerweile ziemlich verdreckten Fahrrädern wissen. Zwischen den hier üblichen Vehikeln wirken sie wie Geräte aus einer anderen Welt.

Angekommen in der sehr sauberen und modernen Touristenstadt Agadir klopft bei Dieter mit lautem Bauchgrummeln Montezuma an – das Knie spürt er auch noch immer (mir geht es glücklicherweise gut). In den nächsten paar Tagen ist daher nicht an Radfahren zu denken; für die bevorstehenden Etappen durch die Wüste – es sind ohnehin nur noch ca. 500 km bis zum Ziel in Tarfaya – müssen wir beide absolut gesund sein.

weiter geht‘s – jetzt nur nicht an den Kakteen anstreifen

es hat geregnet

so eine Holperpiste – da muss man schieben

in den Städten immer wieder interessante street art

in unserem Riad in Azemmour gibts tatsächlich einen Christbaum

in der Medina von Essaouira

am Hafen

1 kg saftig süßer Mandarinen kostet umgerechnet 40 cents