Meine Fahrradweltreise

Monat: Juni 2022 (Seite 1 von 1)

MEN IN BLACK

Als erstes muss ich meinen Bericht bezüglich des Trinkwassers in Georgien revidieren: nicht das Leitungswasser, das ich bei Giorgi getrunken habe, war Schuld an meinem Unwohlsein, sondern ein Sonnenstich. Und wie bin ich darauf gekommen? Ich habe ja nach diesem Vorfall ausschliesslich Mineralwasser getrunken – obwohl mich einige hosts in den BnB‘s darauf hingewiesen haben, dass ich das Leitungswasser ohne weiteres trinken kann („Es ist bestes Quellwasser und alle Touristen trinken es“). Warum sollten sie das sagen, wenn es nicht stimmt – sie gewinnen ja nichts dabei.

Und dann war wieder ein sehr heisser und anstrengender Radlertag (ich habe die ganze Zeit nur Mineralwasser getrunken) und – glücklicherweise war ich schon fast bei meinem Quartier angekommen – wieder die Symptome: Schwächeanfall, Bauchgrummeln, leichtes Schwindelgefühl. Im guesthouse habe ich mich nach der Dusche einmal kurz hingelegt und dann gab es Abendessen. Zu trinken gab es nur Wein und/oder Leitungswasser – ich hatte Riesendurst: also habe ich sehr viel Leitungswasser getrunken und alles war bestens. Also hab ich recherchiert: Dr. Google sagt, dass mit einem Sonnenstich oft Durchfall einhergeht. Seit diesem Zeitpunkt trinke ich nur noch Leitungswasser, das übrigens sehr gut schmeckt und alles ist okay. 

Mein letzter Eintrag hat ja in Vardzia, der Höhlenstadt aus dem 12. Jhdt. geendet. Diese Stadt, die bis zu 50.0000 Menschen Platz bot, wurde in einen 500m hohen Felsen gehauen und diente als Grenzfestung gegen Türken und Perser. Sehr interessant, aber halt auch ziemlich touristisch. Ich habe mir 2 Nächte im schönen Resort direkt gegenüber der Höhlenstadt gegönnt – mit wunderschönem Garten und Pool, gut zum Entspannen.

Die nächste Radleretappe weiter nach Achalkalaki schien auf den ersten Blick ziemlich entspannt zu werden: 30 km, aber mit 800 Höhenmetern. Die ersten km waren noch auf einer schönen, ebenen Asphaltstraße, dann ging’s auf einen Weg, der sich langsam den Berg raufschlängelt. Ich schau mir auf komoot noch einmal das Höhenprofil an: die nächsten 7km muss ich wahrscheinlich schieben, weil es nur bergauf geht – dann hab ich aber die Höhenmeter geschafft und es soll eher eben dahin gehen. Ich treffe dann noch einen Mann, der mich verwundert fragt, wohin ich will. „Achalkalaki “ antworte ich – er meint dann, dass der Weg über den Berg ziemlich anspruchsvoll ist. Ja, wird schon gehen – antworte ich.

Also los gehts – rauf auf den Berg. Der Weg ist ein bisschen wie ein Wanderweg, steile Abschnitte, wo ich mich wirklich plagen muss, wechseln mit gemütlicheren Passagen. Immer wieder begegne ich Kuhherden – Menschen sehe ich keine mehr. Was mir etwas Sorgen bereitet: schon die ganze Zeit höre ich Donnergrollen und in der Ferne sehe ich lauter schwarze Wolken. Regen ist nicht lustig – ein Gewitter am Berg kann aber wirklich gefährlich werden und es gibt weit und breit nichts zum Unterstellen. Aber endlich sind die Höhenmeter geschafft (ich hab fast 3 Stunden dafür gebraucht und musste abschnittweise die Packtaschen extra rauftragen, weil es so steil war).

Oben am Plateau checke ich noch einmal auf komoot, wie weit es zur nächsten Ortschaft ist: ca. 9 km. Ja, da muss ich jetzt ordentlich treten, um dem näher kommenden Gewitter davon zu radeln. Da es in der vorhergehenden Nacht geregnet hat, ist der Weg aber so gatschig, dass sich innerhalb kürzester Zeit so viel lehmig/gatschige Erde zwischen Kotflügeln und Laufrädern angesammelt hat, sodass sich diese nicht mehr bewegen ließen. Na, ich hab geflucht!

Packtaschen runter/ Fahrrad umdrehen/ Arbeitshandschuhe anziehen und mit dem Fahrradschloss habe ich den Dreck so halbwegs rausgekletzelt, sodass sich die Laufräder wieder bewegen ließen. Das Donnergrollen wird immer lauter und die finsteren Wolken sind schon fast über mir. 

Jetzt aber schnell – in einiger Entfernung sehe ich ein Gebäude – dort kann ich mich sicher unterstellen. Gerade im letzten Augenblick – in der Zwischenzeit hat sich schon wieder viel Erde zwischen Kotflügeln und Laufrädern angesammelt – schaffe ich es zu dem Gebäude, einem simplen Hirtenunterschlupf mit überdachter Terrasse und 2 Zimmern mit Betten und Tisch. Ein paar Tropfen haben mich noch erwischt, aber richtig losgegangen ist es erst, nachdem ich schon ein Dach über dem Kopf hatte. Eine Stunde lang hat es geschüttet, geblitzt und gedonnert – ich habe in dieser Zeit das Rad in Ruhe gereinigt. Und sollte es nicht aufhören zu regnen, würde ich hier einfach mein Zelt aufstellen und übernachten (die Betten in den Zimmern wirkten nicht wirklich einladend).

Von diesem Gebäude waren es noch immer 4 km bis zum nächsten Ort (und bis zu einer „richtigen“ Straße). Und der Weg war nach dem Starkregen natürlich noch schlimmer als vorher – das heisst: ich musste das Rad durch das kniehohe, nasse Gras schieben. Extrem anstrengend – nach kurzer Zeit schon waren meine Schuhe und Socken waschelnass und bei jedem Schritt machte es „quatsch“.

Irgendwann war ich dann aber im sehr ärmlich wirkenden Dorf auf 1800m Seehöhe (die Kühe, Schafe und Ziegen wurden gerade in die Ställe getrieben), in der Hoffnung jetzt endlich auf einer schönen Asphaltstraße dahin flitzen zu können. Weit gefehlt. Das war keine Asphaltstraße, sondern ein von grösseren und kleineren Wasserlachen übersäter Weg. Aufsteigen war keine Option – Schieben war weiterhin angesagt. Noch 10km bis Achalkalaki – dort habe ich ein 4 Sterne Hotel gebucht. Ich habe mir gerade ausgerechnet, wann ich im Hotel ankommen werde, wenn ich die ganze Strecke schieben muss, da hält ein Fahrzeug neben mir. 

Obwohl, Fahrzeug ist nicht die richtige Beschreibung (irgendwo stand  zwar Ford Transit drauf) – es war eher ein Zustand auf 4 Rädern und mit Motor. Und drin saßen die Men in Black. Also die kaukasische Variante der MIB – einer hat versehentlich die grell gelben Gummistiefel statt der schwarzen und den bunten Weihnachtspulli statt dem dunklen Shirt erwischt. Alle 3 haben freundlich gelächelt und mir signalisiert, dass sie mich gerne mitnehmen würden. „Ich muss nach Achalkalaki“ – „Ja, passt – wir fahren dort hin.“

So schnell konnte ich gar nicht schauen, waren meine Packtaschen und mein Fahrrad im Laderaum des Kastenwagens verstaut. Die MIB saßen in der ersten Reihe – hinten war eine 2-er Bank, allerdings nicht fixiert, auf der ich Platz nahm. Während der Fahrt bin ich ein paar mal mitsamt Bank fast umgekippt, was aber eh wurscht war, weil auch die Fahrertür ständig aufging. Man kann dieses Vehikel nicht  beschreiben – in Österreich hätte es schon vor 40 Jahren kein Pickerl mehr bekommen.

Und die 3 MIB hatten ihre Gaudi da vorne und die ganze Zeit herumgeblödelt. Ich hab sie zwar nicht verstanden und sie mich auch nicht – wir hatten aber trotzdem viel zu lachen. Am Stadtrand von Achalkalaki haben sie mich abgesetzt (madloba -Danke) und ich hab dann nur noch ca. 2 km ins Zentrum radeln müssen. 

Kurz vor meinem Hotel überholt mich ein voll bepackter Fernradler! Der erste Fernradler, den ich auf meiner Reise treffe! Auf englisch fragt er, wohin ich fahre. Wir unterhalten uns dann ein paar Minuten auf englisch, bis wir drauf kommen, dass wir eh deutsch reden können: er ist Student aus Deutschland, der ein paar Monate den Kaukasus bereist. Sein Fahrrad ist genau so dreckig wie meines und ich frag ihn, wo er gefahren ist. Ziemlich fertig schildert er mir, dass er eine nicht asphaltierte Passtraße gefahren ist und dabei in Regen und Gewitter gekommen ist. Und jetzt muss er sich noch einen passenden Platz zum Zelten suchen und kochen. „Da gehts mir besser“ sag ich und zeig auf den 4 Sterne Schuppen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Was zahlst denn dafür?“ „140 Lari – knapp 50 EUR inkl. Frühstück“ „Das kann ich mir als Student nicht leisten“ meint er bedauernd. Er leistet sich dann und wann ein Bett in einem Schlafsaal, das ist dann aber auch schon das höchste der Gefühle. 

Na, vielleicht treffen wir uns ja noch irgendwo, nachdem wir beide Richtung Armenien unterwegs sind. 

Ich fahr dann rüber zum Hotel, in welchem auch ein Casino untergebracht ist. Am Parkplatz fette SUVs – viele mit russischem Kennzeichen – und herausgeputzte Damen und deren Begleiter in feinem Zwirn. Erst da wird mir bewusst, wie dreckig ich bin – bis zu den Knien alles Dreck. Und auch auf den Packtaschen picken lauter Dreckklumpen. Schnell hole ich die Arbeitshandschuhe raus und reinige die Taschen notdürftig. Na hoffentlich lassen die mich in diesem Aufzug da rein? Da kommt schon ein Hotelangestellter – entschuldigend sage ich, dass ich auf schlechten Straßen und bei Regen über den Berg gekommen bin und deshalb der ganze Schmutz. Er lächelt freundlich – kein Problem. Das Fahrrad darf ich im Hof des Hotels abstellen.

Check in ist schnell erledigt – es ist wirklich ein schönes 4 Sterne Hotel und im Zimmer steht ein Obstteller. Gierig stürze ich mich gleich auf die saftig süßen Pfirsiche – erst jetzt merke ich, dass ich einen Riesenhunger habe – kein Wunder, ich habe vor 10 Stunden gefrühstückt und seither nichts gegessen. Zuerst noch eine Dusche (auch das Radleroutfit und die Packtaschen werden gleich in der Dusche gereinigt) und dann in frischer Kleidung runter ins Restaurant. Bei einem Boeuf Stroganoff und einem Glas Rotwein lasse ich den Tag Revue passieren. Obwohl ich nur 20 km selbst gefahren bin bzw. geschoben habe (10km bin ich mit den Men in Black mitgefahren), war es einer der anstrengendsten Radlertage, die ich je hatte. Und ich hatte noch Glück, dass ich den Hirtenunterstand gerade rechtzeitig erreicht habe.

Am nächsten Tag gehe ich es wirklich gemütlich an – 20 km auf Asphalt mit ca. 300hm nach Ninozminda – von dort sind es nur noch weitere 20km zur armenischen Grenze.

In Ninozminda fallen mir gleich mehrere Sachen auf: einerseits gibt es sehr viele Störche – seit Kroatien habe ich keine Störche mehr gesehen – andererseits sind die Bewohner hier eine Nuance dunkler, als die restlichen Georgier. Der Hotelbesitzer erzählt mir dann, dass die meisten Bewohner ethnische Armenier sind – das ist dann wohl die Erklärung. Außerdem gibt es hier überall Lavash – ein Fladenbrot – zu kaufen.

Einen Tag später heisst es dann nach fast 4 Wochen Abschied nehmen von Georgien. Die Einreise nach Armenien verläuft problemlos – der Zöllner zeigt auf meine Taschen und fragt: „Was hast da drinnen?“ „Zelt, Schlafsack, Matte, Kocher, Geschirr, Kleidung und Zahnbürste“. „Und wohin fährst du?“ „Um die Welt“. Mit einem breiten Grinsen sagt er: „Welcome to Armenia“. „Shnorhakalut‘yun“ (Danke) – uff, das ist ein kompliziertes Wort!  Da war „Madloba“ in Georgien ja ein Kinderspiel dagegen. 

Erstes Ziel in Armenien war Gyumri, die zweitgrößte Stadt des Landes. Die Straße von der Grenze nach Gyumri war anfangs sehr angenehm zu befahren – alles Asphalt, fast kein Verkehr, leicht abschüssig – über mir der Himmel. Es stellt sich so ein Gefühl der Freiheit ein – die Welt gehört mir!

Dann sind aber auch hier dunkle Wolken aufgezogen und ich habe bei einem Unterstand kurz überlegt, ob ich den Regen hier abwarten soll. Habe dann aber beschlossen weiter zu fahren und auch diesmal hatte ich Glück. Ich war schon längere Zeit auf einem Straßenabschnitt unterwegs, wo keine Häuser zu sehen waren, als es zu tröpfeln begann. Der Regen wurde stärker, die Straße führte den Berg runter und unten stehen tatsächlich ein paar Häuser. Noch bevor  mich der Regen richtig erwischt, konnte ich mich beim 1. Haus unter das Vordach stellen. Und der Besitzer kommt raus und bittet mich hinein in die trockene Stube. Seine Frau hat dann gleich Kaffee gebracht und so konnte ich das Ende des Regens im Trockenen abwarten. „Shnorhakalut‘yun“ 

Ein paar Höhenmeter liegen noch vor mir – ich war grad abgestiegen, um das Rad zu schieben – da hält neben mir ein uralter, total verrosteter Lada. Drinnen ein Mann und eine Frau mit freundlichem, wettergegerbtem Gesicht – die Rückbank des Autos war voll mit frisch gepflückten Kräutern. Der Mann fragt mich, ob er mich mitnehmen soll. „Ja – falls er nach Gyumri fährt“. Schon sind beide ausgestiegen – sie sucht sofort nach einem größeren Stein, den sie hinter das Hinterrad legt (die Handbremse funktioniert offensichtlich nicht mehr). Am Dach hat er einen Träger – das Rad wird draufgelegt – die Kräuter auf der Rückbank werden umgeschlichtet, sodass ich und die Packtaschen Platz haben. Und dann geht es flott dahin Richtung Stadt. Sie gibt mir ein Stück Kuchen, das ich mir schmecken lasse – bei einem Mini-Market bleibt er dann noch stehen und kommt mit 3 Eis zurück „Shnorhakalut‘yun“. Ich habe bereits am ersten Tag in Armenien sehr oft die Gelegenheit, dieses Wort zu sagen und mittlerweile kommt es bereits sehr flüssig von der Zunge.

Und dann Gyumri: in der 120.000 Einwohner zählenden Stadt, die 1988 durch ein schweres Erdbeben stark zerstört wurde, fallen sofort die vielen Gebäude aus dunklem Tuffstein auf  – manche Straßen wirken dadurch düster und etwas gewöhnungsbedürftig. Gyumri ist berühmt für seinen Humor und seine guten Handwerker (2 extrem wichtige Sachen), aber auch für sein reges kulturelles Leben und die interessante Architektur.

Und ich war ja am Wochenende in der Stadt und da war im Zentrum einiges los. Die Organisation „Move to Armenia“ zeichnete für ein Konzert mit lokalen Bands am Hauptplatz verantwortlich und das war tatsächlich hörenswert. So eine Mischung aus Russenpop und armenischem Folk – da ging die Post ab!

Neben dem Besuch von Museen, Galerien und Kirchen stand auch ein Termin im Beauty Salon an. Pediküre, Sugaring und Augenbrauen faconnieren – ich habe mich von Maryam und Kristina verwöhnen und auf Vorderfrau bringen lassen. Was für ein Genuss – und das ganze für läppische 10.000 Dram (22 EUR).

Noch ein spezielles Projekt, welches von der österreichischen Caritas mitbegründet wurde, möchte ich erwähnen: The First Inclusive Bakery and Coffee Shop in Gyumri – eine Einrichtung, die jungen Leuten mit handicap jobs bietet. Ich war jeden Tag in diesem Kaffeehaus und habe einerseits den ausgezeichneten Kaffee und die leckeren Mehlspeisen genossen und mich andererseits sehr über die engagierten und freundlichen Mitarbeiter gefreut (die am 1. Arbeitsmarkt – so wie in Österreich ja auch – überhaupt keine Chance hätten).

Morgen geht es weiter Richtung Jerewan. Mehr dazu nächste Woche.

 

Höhlenstadt Vardzia
Weiter gehts auf den Berg
Die Kühe begleiten mich
Nix geht mehr
Hirtenunterkunft - meine Rettung
Jetzt gehts an die Arbeit
Wenn’s nicht aufhört zu regnen, werde ich hier mein Zelt aufstellen
Die kaukasischen Men in Black - sehr nett und lustig
Schon wird mein Rad verladen
Weiter gehts nach Ninotsminda
Asphalt und wenig Verkehr - das ist Genussradeln
Hier gibts viele Störche
Frühstück - im Brotkorb links sieht man Lavash (Fladenbrot)
Die ersten Kilometer in Armenien - die Welt gehört mir!
Kurzerhand wird mein Rad auf das Dach des Lada verfrachtet
Kirche aus schwarz- und apricotfarbenem Tuffstein in Gyumri
Gyumri
Gyumri
Gyumri
Gyumri
Gyumri
Gyumri
Gottesdienst in der armenisch apostolischen Kirche (die küssen alle den Boden)
Vorne links Maulbeeren in verschiedenen Farben und die Marillen schauen so halbreif aus - sind aber sehr saftig und süss
Die haben extrem geile Musik gemacht
Die Kardashians? Nein, die netten Damen vom Beauty Salon - wir haben sehr viel gelacht
Leckerer Kaffee und Mehlspeise im SÖB der Caritas

DIE HUNDEFLÜSTERIN

Seit dem letzten Eintrag bin ich von Mzcheta, der alten Hauptstadt Georgiens über Gori, Kashuri und Borjomi nach Vardzia gefahren. 

In Mzcheta (nur ca. 25km von Tiflis entfernt),  wo sich untertags Unmengen an georgischen und ausländischen Touristen aufhalten, habe ich die spezielle Stimmung am Abend und am Morgen um so mehr genossen. Ich hatte das Glück, in einem guest house mit grosser Terrasse und vielen duftenden Rosensträuchern direkt bei der Kathedrale untergebracht zu sein. Die Glocke der Kathedrale wurde alle 3 Stunden (3 Uhr, 6 Uhr, 12 Uhr….) noch händisch geläutet und ich konnte den Messdiener beobachten, wie er die Stufen auf den Turm gestiegen ist und dann mit voller Kraft die Glocke geschlagen hat. Insgesamt gab es in diesem Turm aber 4 Glocken in verschiedenen Größen und wenn eine Messe stattfand, so wurde diese mit einem tollen Glockenspiel, das ca. 10 Minuten dauerte, eingeläutet. Dazu stiegen 4 Männer auf den Turm und läuteten die Glocken – es war ein wirklicher Hörgenuss. Und während der Messe sangen Chöre – auch diese Gesänge konnte ich auf der Terrasse meiner Unterkunft mitverfolgen. Es war ganz was Besonderes.

Vor der Kathedrale kam ich mit einer Gruppe georgischer girlies (13-16 Jahre) ins Gespräch. Sie waren zuerst ein bisschen schüchtern, haben sich dann aber gefreut, ihr gutes Englisch unter Beweis stellen zu können. Sie waren sehr interessiert an meiner Radreise, wollten alles Mögliche wissen (wieviel km ich täglich fahre, wo ich übernachte, wie ich mir das leisten kann, welche georgischen Wörter ich kenne, was meine georgische Lieblingsspeise ist, welcher mein georgischer Lieblingspopsänger ist – da musste ich passen). Dann hat eine gesagt, dass sie auch einen Satz auf Deutsch sagen kann. Na, dann raus damit! „Ich liebe dich“ und dann lautes Gekicher von allen. Dann alle durcheinander: „Ti amo“, „Te quiero“, „Je t‘aime“, „Uhibuk“ – immer gefolgt von lautem Gekicher. Wir waren uns natürlich einig, dass es immer gut ist, diesen Satz in diversen Sprachen zu beherrschen – man weiss ja nie, wer einem so über den Weg rennt.  So süß, sehr natürlich und sympathisch.

Ausserdem habe ich ein älteres deutsches Ehepaar getroffen, das mit dem Wohnmobil in Georgien unterwegs ist. Sie campieren wild (Campingplätze mit Infrastruktur wie in Westeuropa gibt es nicht) und wenn sie vor dem Wohnmobil essen, so zieht das natürlich die Streuner an. Einer dieser Hunde wollte eine Bratwurst vom Teller stehlen und die Frau versuchte, ihn zu verscheuchen. Dabei biss er sie in die Hand, sodass sie eine blutende Wunde davontrug. Und: sie war nicht gegen Tollwut geimpft. Sie hat daraufhin ihren Bruder, der in Deutschland Arzt ist, angerufen und der hat ihr geraten, den nächsten Flieger nach Deutschland zu nehmen, um sich zu Hause im Nachhinein immunisieren zu lassen (er hat in D die Info erhalten, dass das benötigte Serum in Georgien nicht erhältlich ist). Sie hat dann aber in Tiflis ein kleines Institut entdeckt, das doch über das Serum verfügt und lässt sich nun hier die nachträgliche Immunisierung geben (man muss dabei einen genauen Zeitplan einhalten: Je 1 Dosis an fix festgelegten Tagen nach dem Biss).  Die einzig unangenehme Sache ist, dass sie die nächsten 2 Monate keinen Tropfen Alkohol trinken darf – bei den guten georgischen Weinen eine harte Gschicht!

Ja, die Hunde – ein leidliches Thema und eine Änderung der Taktik war notwendig.  Und das kam so: ich fuhr auf einer stark befahrenen Bundesstraße – links neben mir bretterten die LKWs in geringem Abstand an mir vorbei und rechts kamen aus einem Garten 2 Hunde auf mich zugeschossen und haben mich verfolgt. Ich versuche in so einem Fall immer, so schnell wie möglich zu fahren, um die Viecher abzuhängen. Aber das Ganze ist natürlich Stress pur und einen Fahrfehler darf ich mir in so einer Situation auf keinen Fall leisten. Dazu kommt noch, dass die Fahrbahn auch nicht gerade in einem optimalen Zustand ist (Schlaglöcher oder Asphalt, der sich durch die Hitze aufwölbt). Wenn ich da zu Sturz komme – na dann Gute Nacht!

Aus diesem Grund bleibe ich jetzt immer stehen, sobald ein Hund (oder auch mehrere) hinter mir her ist/sind. Ich steige ab und fange an, in sanftem Ton mit ihm/ihnen zu reden, so in der Art: „Hallo Hund. Schau, ich fahr da nur und tu dir nix“. Ca. 50% der Hunde hören dann tatsächlich auf zu bellen und manche fangen sogar an, mit dem Schwanz zu wedeln. Je größer die Meute ist, desto schwieriger ist es, sie zu beruhigen. Dann müssen sie sich ja gegenseitig beweisen, dass sie es sind, die die „böse Radfahrerin“ verjagt haben. In diesem Fall: runterbücken und einen Stein aufheben. Das wirkt fast immer. Manchmal sieht man auch Kampfhunde – glücklicherweise immer an der Leine – ich weiss nicht, wie ich reagiere, wenn mich so eine Bestie verfolgt.

Neben Hunden hatte ich vergangene Woche auch viele Begegnungen mit Kühen – die waren aber harmlos. Die Kühe hier sind auch etwas zarter gebaut als die Exemplare, denen man auf österreichischen Wanderwegen so über den Weg läuft. Nur vor den Stieren hab ich Respekt: auch die sieht man immer wieder, wenn man so durch die Wiesen fährt. Und wenn dann einer anfängt, mit den Hufen zu scharren und den Kopf zu senken: ganz langsam vorbeifahren und gut zureden (ich bin jetzt bald diplomierte Hunde- und Stierflüsterin 🙂 )

Auf einer stark befahrenen Straße habe ich dann noch eine Beobachtung gemacht, die faszinierend und abstoßend gleichzeitig war: eine in allen Grüntönen schillernde, ca. 20 cm lange Echse ist gerade überfahren worden. Sie hat noch ihre Beine bewegt und ihr Bauch war aufgeplatzt und aus diesem Bauch kamen lauter kleine Echsen gekrochen und sind in alle Richtungen auseinander gelaufen. Was für ein Anblick – ich konnte aber nur kurz hinschauen und bin gleich weiter gefahren.

In Gori, der Geburtsstadt Stalins kann man dessen Geburtshaus und das Stalinmuseum (sehr informativ) besichtigen, was ich auch tat. Man merkt aber einen Riesenkontrast zu Tiflis – während die Hauptstadt sehr lebendig und modern ist, hatte ich in Gori das Gefühl, noch immer im Ostblock zu sein. Abgesehen von den vielen hässlichen Gebäuden (Plattenbauten), hatten auch die Menschen die Ostblockmentalität irgendwie noch nicht abgelegt („der Staat tut so, als ob er mich bezahlen würde, dafür tu ich so, als ob ich arbeiten würde“). Fast könnte man meinen, der Geist Stalins verhindert, dass hier was weiter geht.

Das Radfahren vergangene Woche war einerseits extrem anstrengend (den ganzen Tag Sonne bei 32 Grad Tageshöchsttemperatur) auf Schotterpisten mit etlichen Höhenmetern. Jedes Auto hat eine Staubwolke aufgewirbelt – auf meiner Haut war eine gschmackige  Mischung aus Sonnencreme, Schweiß und Staub. Gleich nach der Ankunft im Hotel: rein in die Dusche. Auch die ganze Kleidung habe ich gleich in die Dusche geschmissen, um den ärgsten Dreck abzuwaschen. Im Waschbecken dann der 2. Waschgang mit Seife – dann aufhängen (entweder in der Dusche oder am Balkon, falls es einen gab) – am nächsten Morgen war alles trocken und bereit für den nächsten Radlertag. Andererseits gab es auch sehr schöne Etappen auf wenig befahrenen Asphaltstraßen mit Blick auf Burgen oder Klöster am Berg, teilweise sogar mit leichtem Rückenwind vorbei an Wiesen mit einer Blumenvielfalt, wie man sie in Österreich, wo alles weggedüngt wird, nicht mehr sieht. Ein Paradies für Bienen und Co. 

Während des Radfahrens esse ich nichts (ich frühstücke dafür ausgiebig), aber trinken ist wichtig und so kaufe ich unterwegs auch Wasser in kleinen Ortschaften, wo es Mini-Supermärkte gibt, nach. Wenn ich in so einen Supermarkt reinkomme, so falle ich natürlich auf (wegen meinem Radler-Outfit und auch, weil ich blond und hellhäutig bin). Ich hör dann die Leute immer tuscheln – irgendeiner fragt dann, woher ich komme. „Österreich“ antworte ich. „Und du bist mit dem Fahrrad aus Österreich hierher gekommen?“ „Ja“. Dann schauen mich alle an, als ob ich eine Außerirdische wäre. Und die nächste Frage lautet immer: „Wie alt bist du?“ „60“. Dann diskutieren sie – sie schauen mich an – sie schauen das Rad an. Und dann krieg ich fast immer ein Geschenk: entweder Obst oder ein Eis oder einen Schokoriegel oder ein Stück Kuchen und dazu ein „Daumen hoch“ oder ein „Super“ und ein anerkennendes Nicken.  Madloba (Danke). 

Ich bin dann immer weiter in die Berge raufgefahren und schlussendlich im Kleinen Kaukasus angekommen. Jetzt war es Zeit, die Bergschuhe auszupacken und ein paar Touren zu machen. Der Kaukasus ist ja die Heimat der Nordmanntannen – hier werden die Tannenzapfen geerntet und nach Westeuropa exportiert. Aus 1 kg Tannenzapfen (ca. 20 Stk.) gewinnt man den Samen für 4000 Weihnachtsbäume. 

Und heute bin ich in Vardzia, einer Höhlenstadt, nicht all zu weit von der armenischen Grenze entfernt, eingetroffen. Näheres dazu im nächsten Beitrag.

Blick von meiner Terrasse auf die Kathedrale in Mzcheta (Glockenturm)
Die sympathischen Mädels aus Mzcheta
Ginster am Straßenrand
Alles blüht
Ah, jetzt weiß ich, wo ich bin
Weiter gehts in den Kleinen Kaukasus
Bin ich schon in Indien?
Borjomi
Heute werden die Bergschuhe ausgepackt
Bergtour im Borjomi Nationalpark
Tomaten-Gurkensalat mit Walnüssen - sehr lecker
Champignons mit Käse
Was Süßes geht immer
Ein Logenplatz und Nahrung für die Seele