Meine Fahrradweltreise

Autor: Monika (Seite 1 von 4)

HEIMKOMMEN

Die letzten ca. 1000 Kilometer unserer Tour führen uns innerhalb von zweieinhalb Wochen von Sete, dem „Klein-Venedig des Languedoc“ bis nach Udine, eine der wichtigsten Städte des Friaul.

Vorbei geht es an unzähligen Kolonien an Rosa-Flamingos, die das Schwemmland in der Camargue bevölkern. Dabei lässt sich immer wieder der sogenannte Wing-Salute beobachten, womit die Vögel die besonders farbintensiven Teile ihrer Flügel demonstrieren.

Der Rhone-Sete Canal bringt uns dann direkt nach Avignon, einer wunderschönen Stadt, wo wir einen Rasttag einlegen. Die Stadt ist nicht nur berühmt für ihre Brücke, sondern auch für ihre  unzähligen Theater – viele Stücke werden in Avignon uraufgeführt, um zu testen, wie sie beim Publikum ankommen. Waren es zuvor die rosa Flamingos, die unser Auge erfreut haben, ist es nun die rosa Blütenpracht der Obstbäume die uns beeindruckt – ganze Landstriche erstrahlen in unterschiedlichsten Pink-Nuancen.

Die Fahrt durch die Provence – jetzt sind wir weg von der Küste – führt uns durch viele kleine Ortschaften; es geht ständig auf und ab, sodass wir einige Höhenmeter bewältigen müssen. Und am Morgen ist es teilweise so kalt, dass man Haube und Handschuhe anziehen muss. Nach spätestens einer Stunde ist die Sonne aber bereits so intensiv, dass man die warme Kleidung wieder wegpacken kann – Frühlingsradeln ist angesagt.

In Cannes kommen wir wieder zurück an die Küste – hier ist es spürbar wärmer – mindestens 3 Grad mehr als im Landesinneren. Ein wunderschöner Radweg führt uns an der Cote d’Azur entlang bis Nizza. Immer im Blickfeld die schneebedeckten Alpen: sie erinnern uns daran, dass noch Winter ist, auch wenn wir bereits mit leichter Jacke in der Sonne dahin radeln und uns am Nachmittag ein feines Eis (€ 3,00 pro Kugel – tres cher!!!) gönnen.

Starker Wind ist angesagt – also legen wir in Nizza 2 Rasttage ein. Eva besucht einen Bekannten, der in der Nähe von Nizza lebt – ich  gehe ins Marc Chagall Museum und erfreue mich an der Kunst des weißrussischen Malers. Außerdem bewundere ich die vielen Murals, die hier in Nizza erst auf den 2. Blick als solche erkennbar sind.

Die Stecke Nizza – Ventimiglia nehmen wir den Zug – der Gegenwind weht noch immer stark, ausserdem ersparen wir uns anstrengende 800 Höhenmeter.

Weiter geht es entlang der ligurischen Küste: viele mondäne Urlaubsorte (Sanremo), in welchen sich auch jetzt schon etliche Touristen tummeln. Die Straßencafés an den Promenaden sind gut besucht – man genießt die angenehmen Sonnenstrahlen; einige Hartgesottene (Eva gehört dazu) gehen auch schon ins Meer (14°C) schwimmen.

Der tolle Küstenradweg führt teilweise durch lange Tunnels (nur für Radler und Fussgänger) mit Musikbeschallung, bis wir schlussendlich in Genua ankommen. 

Von Genua nach Piacenza nehmen wir ebenfalls den Zug (etliche Höhenmeter auf engen Straßen mit viel Verkehr), sodass dann bis Udine nur noch gemütliche 400 Kilometer ohne nennenswerte Steigung vor uns liegen. 

Zuerst geht es in der Poebene mit unzähligen Pappelhainen immer am Wasser entlang – alles blüht. Ein lautes Summen und Brummen liegt in der Luft, vorbei geht es an vielen halb verfallenen landwirtschaftlichen Gebäuden. Nirgendwo sonst habe ich so viele Lost Places gesehen, wie in Norditalien. 

Überquert wird das Wasser teilweise auch auf Pontonbrücken (aus Booten errichtet) – die Fahrt ist sehr kurzweilig, weil es so viel zu sehen gibt. Tagesetappen von 70 – 80 Km sind innerhalb kurzer Zeit abgeradelt und am Zielort gibt es ein gelato (in Italien bekommt man 2 Kugeln um € 3,50 – das beste Eis gab es in Fiume Veneto – unfassbar gut!!!)

Was auch auffällt: je weiter wir in den Norden Richtung Udine kommen, desto mehr Luxusautos (BMW, Audi, Mercedes), SUV‘s sind auf der Strasse und die Leute werden unfreundlicher und griesgrämiger – keiner grüßt mehr, während man vorher immer ein freundliches „Salve“ oder „Ciao“ hören konnte.

In Udine besteigen wir den Zug nach Österreich und nach 6 abenteuerlichen Monaten bin ich nun wieder in Wien. Über 6.000 Kilometer geradelt, 35.000 Höhenmeter bezwungen. Alles gut gegangen – nie krank geworden, kein Unfall (ausser dem durch die Windböe verursachten Sturz, der glimpflich ausgegangen ist) auch das Rad hat wieder super Dienste geleistet. 

Jetzt freue ich mich auf ein Wiedersehen mit Freunden, auf ein gutes Schwarzbrot und ein Mohnflesserl mit Leberkäs. Und ab April arbeite ich wieder – auch darauf freue ich mich. 

Aber wie heisst’s so schön: Nach dem Abenteuer ist vor dem Abenteuer – Pläne für den nächsten Winter werden bereits geschmiedet. 

Wing-Salute

Die schnellen Mädels am Rohne-Sete Canal

Pierre, ein Jogger, zeigt uns einen Schleichweg (wir müssen wieder mal Hochwasser ausweichen)

Rhone – Sete Canal

Avignon, Stadt der Theater

Barjols, in der Provence

Lavendelfeld – wirkt momentan noch nicht spektakulär

weiter gehts nach Nizza (im Hintergrund die schneebedeckten Alpen)

erst auf den 2. Blick als Mural erkennbar – Fenster und Balkone auf der Wand hinter den Palmen sind fake (alles aufgemalt); sieht man in Nizza oft

durch den Tunnel mit Musikbeschallung

immer am Meer entlang

Mobiler Kramerladen

irgendwo in der Poebene

Heute gehts über eine Pontonbrücke (auf Booten errichtet)

Ehrenpreis und (fette) Gänseblümchen

ein sehr spektakulärer Lost Place

Die 2 Madl mit Radl sagen ciao

Ein grosses Service fürs Rad beim Fahrradmeister

GEBALLTE FRAUENPOWER UNTERWEGS


Am Freitag, den 13. Februar war es dann so weit: Eva kommt (mit Fahrrad) mit der Maschine aus Salzburg in Barcelona an. Ich treffe sie am Flughafen und zum Glück verstehen wir uns gut – wir haben uns vorher ja nie getroffen, sondern nur ein paar mal telefoniert. Nachdem sie ihr Radl ausgepackt (ein paar Radsport begeisterte Argentinier helfen ihr dabei) und wieder ganz zusammengebaut hat, radeln wir die paar Kilometer zum gebuchten Hotel in Flughafennähe. Mehr ist an diesem Tag leider nicht möglich, weil es schüttet cats and dogs.

Der nächste Tag verspricht dafür Sonne pur – wir planen eine 60km Strecke nach Canet de Mar, nördlich von Barcelona. Da es vorher so stark geregnet hat, ist der Radweg gleich zu Beginn  unserer Tour komplett überschwemmt, sodass wir uns eine (längere) Alternativroute überlegen müssen.

Dann geht es aber sehr flott dahin – durch Barcelona und dann am Meer entlang bis zu unserem Zielort, den wir am späten Nachmittag (es waren dann doch mehr als 70km) erreichen. Es ist Faschingssamstag und Valentinstag – in Canet de Mar spielt sich‘s ab. Viele Leute sind verkleidet und feiern in den Straßen. 

Eva, die gleich alt ist wie ich, hat den 1. Radltag gut gemeistert – sie ist topfit (sie hat bis vor kurzem als Fitnesstrainerin gearbeitet) und ich habe keine Zweifel, dass wir ein gutes Team bilden werden.

Weiter geht es Richtung Frankreich – die schneebedeckten Pyrenäen liegen vor uns – wir bewegen uns weg vom Meer durch kleine Dörfer. Überall blüht es, die Wiesen und Felder sattgrün nach dem vielen Regen; Vogelgezwitscher und Zitronenfalter begleiten uns – ja, hier ist tatsächlich Frühling. Es sind einige Steigungen zu bewältigen und am Nachmittag ist es so warm, dass ich kurzärmelig dahinradeln kann.

Groß ist die Freude, wenn wir dann in einer schönen und nicht alltäglichen Unterkunft Quartier beziehen dürfen. So sind wir in der Nähe von Girona in einem wunderschönen Steinhaus neben einem Bach mitten im Grünen untergekommen. Dieses B+B wird als hundefreundliche Unterkunft beworben – tatsächlich waren wir die einzigen Gäste, die keine Fellnasen dabei hatten. 

Oder wir landen in einem Hotel, das ein Thermalbad dabei hat, wo man seinen müden Knochen nach einem anstrengenden Radlertag etwas Gutes tun kann.

Die Fahrt über die Pyrenäen war keine große sportliche Herausforderung – der höchste Punkt lag bei 290m – nur der viele Schwerverkehr auf der Bundesstraße hat es ziemlich nervig gemacht.

In Frankreich geht es vorerst gemütlich dahin – zumeist am Meer entlang mit wenig Höhenmetern. Da Sturm angesagt ist, legen wir in Perpignan 2 Rasttage ein. Nicht nur starker Wind, sondern auch heftige Regenfälle und Überschwemmungen sind für Südfrankreich prognostiziert – besorgte Freunde, die aus den Nachrichten von den Unwettern erfahren haben fragen regelmäßig nach, ob es mir eh gut geht. Ja, uns geht es gut – an den Sturm- und Regentagen pausieren wir ohnehin.

Und an Überschwemmungen haben wir uns bereits gewöhnt – Eva zieht dann Schuhe und Socken aus (ich behalte sie an – zum Glück scheint die Sonne, sodass alles bald wieder trocken ist) und wir waten dann durch das Wasser, bis wir wieder im Trockenen sind. Der heftige Sturm hat sehr viele Bäume entwurzelt – auch hier muss man hart im Nehmen sein, wenn so ein Baumriese den Weg versperrt. Entweder kann man irgendwie drüber oder rundherum kraxeln (was mit dem voll bepackten Rad eine challenge darstellt) oder man fährt ein Stück zurück, kraxelt eine Böschung rauf (das Rad und die Taschen müssen natürlich auch mit)- schlägt sich durch dichtes Gestrüpp, um auf der anderen Seite die Böschung runterzukraxeln und dort auf einem alternativen Weg weiter zu radeln. Ja, man muss sehr kreativ sein und empfindlich darf man auch nicht sein.

Aufgrund der angespannten Hochwassersituation rund um Bordeaux haben wir unsere Route abgeändert. Anstatt nach Paris (und damit Richtung Norden) werden wir nach Udine (und damit Richtung Osten) radeln. Von Udine gibt es gute Zugverbindungen nach Villach, sodass wir uns die lange Rückreise von Paris nach Ö ersparen. 

Da wir den Canal du Midi (Kanal des Südens) aber zumindest teilweise radeln wollen, beschließen wir, mit der Bahn von Narbonne (so eine bezaubernde Stadt!!) nach Carcassonne zu fahren und von dort bis Sete am Mittelmeer zu radeln; dann geht es weiter am Meer entlang bis Genua und über Cremona und Treviso nach Udine. So schaut jetzt einmal der Plan aus – in 4 Wochen sollte sich das locker ausgehen.

Den 1. Teilabschnitt des Canal von Carcassonne nach Beziers haben wir bereits hinter uns – herausfordernd waren die umgestürzten Bäume – aber mit vielen tollen Eindrücken.

Und auch hier wieder spezielle Unterkünfte: letzte Nacht waren wir in der Schwanenvilla in Paraza. Ein B+B, betrieben von einem älteren deutschen Ehepaar mit Namen Schwanenflügel. Karl, der Herr des Hauses hat uns am Abend mit einem delikaten Spitzkohl asiatisch (ich hab ihn gleich nach dem Rezept gefragt) mit selbst gebackenem Roggenbrot verwöhnt und seine Frau Suse, die für das Frühstück zuständig ist hat eine Auswahl feinster französischer Käse- und Schinkenspezialitäten, ausserdem diverse hausgemachte Marmeladen aufgetischt. Wir fühlten uns wie Gott in Frankreich.

Und momentan sind wir im Gefängnis in Beziers, einer der ältesten Städte Frankreichs. Eine Unterkunft ganz nach meinem Geschmack. Sehr speziell – sehr anders. Das ehemalige Gefängnis (bis 2009 in Betrieb) wurde tatsächlich in ein Hotel umgewandelt. Einfache Zellen (mit weichen Betten) und sehr schönem Bad. Ja, hier lässt es sich aushalten – morgen geht es aber schon weiter: Sonnenschein ist angesagt und wir wollen das Frühlingswetter nützen, um nach Sete zu radeln.

Eva ist gelandet – ihr Rad noch verpackt – das unverpackte gehört mir

argentinische Touristen helfen beim Auspacken

Los gehts – unser 1. gemeinsamer Radlertag

alles grün

wie schön – Unterkunft mit Thermalbad

Ein netter Plausch mit Juan von Cycle Tours Catalonia

Plakat im Hundehotel

Kraniche

halb verwestes Wildschwein am Strassenrand

Pyrenäen

Da muss man durch!

Narbonne

Narbonne

Ein Glas Rose in der Schwanenvilla

Idylle am Canal du Midi

wieder mal ein Patschen

Beziers

im Häfn

unsere Zelle

unsere korrigierte Route zurück Richtung Ö

DEN FRÜHLING ENTLANG RADELN

Um im Frühjahr wieder zu Hause zu sein, habe ich verschiedene Möglichkeiten des Reisens: Der schnellste Weg ist natürlich das Flugzeug – man kann das Fahrrad ja verpackt im Flieger mitnehmen.

Da es aber so viel Interessantes am Weg nach Mitteleuropa zu sehen gibt und außerdem ab Februar in Spanien angenehme Radl-Temperaturen zu erwarten sind, reift in mir der Plan, die Strecke mit dem Rad zurück zu legen. Von Cadiz (dort kommt die Fähre von den Kanaren an) soll es radelnd weiter gehen ans Mittelmeer bis Sete in Frankreich. Anschließend den Canal du Midi entlang bis Bordeaux und dann am Eurovelo 3 bis Paris. Es gibt nur eine kurze Überschneidung mit der Strecke, die ich letztes Jahr geradelt bin. Ca. 2600km – das ist in 2 Monaten leicht zu schaffen.

Zu zweit ist es immer angenehmer unterwegs zu sein – daher platziere ich eine Anzeige auf der Reiseplattform (Mitradler/in für die Strecke Cadiz-Paris gesucht) – mal schauen, wer sich so kurzfristig meldet und sich auf dieses Abenteuer mit mir einlässt. Ein vorheriges Treffen ist ja auch nicht möglich, weil potentielle Mitradler aus dem DACH-Raum stammen (es ist eine deutschsprachige Plattform). Es melden sich ein paar Deutsche, aber auch 2 Österreicher. Wolfi aus Wiener Neustadt ist sehr interessiert – wir telefonieren auch gleich und sind einander sympathisch. Es gibt nur einen kleinen Haken – er muss erst mit der Firma abklären, ob er so lange Urlaub bekommt. Die 2. Interessentin ist Eva aus Salzburg. Sie muss aber noch bis Ende März arbeiten, dann hätte sie genügend Zeit, weil sie in Pension ist. Ende März will ich bereits in Ö sein, d.h. Eva kommt dann doch nicht in Frage.

Dann heisst es wieder mal Abschied nehmen von Rupi, meinem Segler. Er bleibt noch bis April am Boot auf den Kanaren, bevor er zurückfliegt nach Ö. Zum Glück muss ich kein schlechtes Gewissen haben, weil ich ihn allein lasse – eine Freundin aus Vorarlberg hat sich angesagt und sie wird die restlichen Monate auf dem Boot sein, für das kulinarische Wohl sorgen und die ein oder andere Partie Romme mit Rupi spielen. 

Die ziemlich turbulente Überfahrt (mit hohen Wellen) zum spanischen Festland auf der Armas-Fähre dauert 50 Stunden – ich habe eine Kabine gebucht und das Geschaukle sorgt (zumindest bei mir) für einen tiefen Schlaf.

Angekommen in Cadiz beziehe ich mein Zimmer in einem wunderschönen Convent, in welchem ein cooles Hotel untergebracht ist. Wolfi teilt mir dann mit, dass er leider keinen Urlaub bekommt – schade! Dafür meldet sich Eva wieder: sie könnte es einrichten, dass sie bereits ab Mitte Februar mit mir radelt. Telefonisch klären wir noch einige Details und fixieren dann, dass wir uns in Barcelona am Flughafen treffen und dann gemeinsam weiterradeln. Sie freut sich schon narrisch auf die Tour – und ich mich natürlich auch.

Die Wettervorhersage in Cadiz ist nicht gerade berauschend: In den nächsten Tagen ist starker Regen und Sturm angesagt – also checke ich gleich die Bahnverbindungen nach Malaga. In den Media Distancia Zügen darf man Fahrräder (ohne Zuschlag) mitnehmen. Das Ticket ist schnell online gebucht – am nächsten Morgen geht es nach einem feinen Frühstück im Convent bei strömendem Regen zum nahe gelegenen Bahnhof. 

Die verregnete  Bahnfahrt an die Mittelmeerküste führt durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet – in vielen Wiesen und Feldern steht das Wasser. In Malaga, wo ich am frühen Nachmittag ankomme, scheint aber wieder die Sonne. 

Jetzt kann es also losgehen mit dem Radeln – zumeist am Meer entlang, dann aber immer wieder in die Berge, sodass doch einige Höhenmeter zu bewältigen sind. Meine Tagesetappen plane ich sehr gemütlich: 60 – 70 km und Übernachtung in kleinen Hotels und B&B‘s. Immer bei der Planung berücksichtigen: das Wetter. In Andalusien spielt es sich momentan ja ziemlich ab und die Ausläufer dieses mächtigen Tiefs über der iberischen Halbinsel bekomme auch ich zu spüren. Nicht so sehr der Regen, sondern der Wind macht mir Probleme. Starker Gegen- oder Seitenwind macht es fast unmöglich, voranzukommen. Und Windböen sind überhaupt gefährlich. 

Vergangene Woche – ich war grad zwischen  Malaga und Almería unterwegs: starker Rückenwind, der mich schnell vorantreibt und dann kommt plötzlich eine heftige Böe von der Seite, die mich umschmeisst. Mein erster Sturz! Dabei habe ich noch Glück – ich stürze nämlich auf den Seitenstreifen und nicht in die Fahrbahn der Bundesstrasse.  2 Autos halten sofort an – „Todo esta bien?“ fragen die besorgten Fahrer.  „Si, todo bien!“ beruhige ich sie (und mich). So, jetzt heißt’s aufstehen, Krone (Helm) richten und weiterfahren – nein, weiterfahren will ich an diesem Tag nicht mehr! Ich hab mir zwar nicht wehgetan – ausser einem blauen Fleck am Oberarm erinnert nichts mehr an den Sturz – aber der Wind bläst so heftig, dass ich mich nicht weiterer Gefahr aussetzen will. Da ich mich gerade am Ortseingang einer kleinen Gemeinde befinde, beschließe ich, mir für die restlichen 30km ein Taxi zu suchen. Im Zentrum findet ein Markt statt – ich schau mich mal um, ob ich irgendwo ein Taxi erspähe. Nichts. Dann werde ich halt einfach jemanden (mit passendem Gefährt) fragen, ob er mich mitsamt Rad zum Zielort bringen kann. Ah, da steigt grad ein älterer Mann in einen Pick-up, wo er seine Einkäufe verstaut. Also frage ich ihn, ob er mich und mein Rad nach La Curva bringen kann – natürlich gegen Bezahlung. Er ist sehr nett – muss mir aber absagen, weil er dringend seine Einkäufe nach Hause bringen muss, wo seine Frau schon wartet. „Gibt es hier Taxis?“ frage ich ihn noch. Er weiss es nicht – er wohnt irgendwo am Land und ist eher selten hier. Ich frage noch ein paar andere Leute, ob es Taxis gibt – leider wissen die das auch nicht. Okay, nächster Versuch. Auf einem Parkplatz seh ich einen Kastenwagen – der Fahrer unterhält sich grad mit einem Passanten. Also frage ich auch ihn, ob er mich und Rad nach La Curva bringen kann. „Das ist ein Firmenwagen und ich muss für die Firma was erledigen – daher leider nein.“ „Hay taxis aqui?“ frage ich ihn noch. „Si, claro!“ meint er – zückt sein Handy und ruft jemanden an. 10 Minuten später sitze ich in einem Mercedes Kombi – die hintere Sitzreihe umgelegt, sodass auch mein Bici Platz hat und bequem geht es direkt zur Unterkunft nach La Curva. Der Taxifahrer ist selber auch Radfahrer und interessiert sich sehr für meine Radreise. Besonders beeindruckt ist er, dass ich mit dem Rad in die Sahara gefahren bin – „Und das ganze ohne Motor!!!“ – er kann es fast nicht fassen.

In La Curva checke ich in einem ziemlich abgefuckten Landgasthaus ein. Mangels Alternativen beschließe ich, im dazugehörigen Restaurant eine Kleinigkeit zu essen. Es ist sehr gut besucht – lauter Einheimische; Touristen verirren sich hierher wahrscheinlich nie. Und dann die Überraschung: die Paella schmeckt verdammt gut. Dazu ein Estrella Galicia. Als Dessert noch ein hausgemachter Flan de Huevo. Macht € 9,00 alles zusammen. Die letzte Paella habe ich in Salamanca (viele Touristen) gegessen: € 14,00 für ein fades Reisgericht, das ich nur aufgegessen habe, weil ich hungrig war.

La Curva liegt bereits im Einzugsgebiet von Almeria – das ist die Gegend, aus welcher ein Großteil der in unseren Supermärkten im Winter angebotenen Gurken, Tomaten, Paprika,…. stammt. Gewächshäuser soweit das Auge reicht – auch das Aussehen der Orte, die ich mit dem Rad durchquere, spiegelt diese Tatsache wider. Man sieht viele Schwarzafrikaner – wahrscheinlich sind die meisten auf Seelenverkäufern übers Meer gekommen – sie malochen in diesen Gewächshäusern für einen Hungerlohn und sorgen dafür, dass es bei uns im Winter günstiges Gemüse gibt. Die kleinen Lebensmittelläden werden fast ausschliesslich von Marokkanern betrieben – Spanier sieht man eher selten. 

Kurze Zeit später wieder an der Küste – was für ein Kontrast:  seelenlose Touristenorte mit dicht aneinander gebauten 10-12 stöckigen Apartmenthäusern. Ich empfinde diese Retortendörfer nur abstoßend und abschreckend – man sieht dort auch keine Menschenseele. Wo sind die Leute – oder vielleicht sind dort lauter Zombies, die nur des Nachts aus ihren Löchern gekrochen kommen? 

Ich durchquere dann aber auch sehr schöne Gegenden – Naturparks mit losem, gut befahrbarem Untergrund. Überall blüht es, die Vögel zwitschern, es hat fast 20 Grad – kurzärmeliges Radeln ist angesagt. Zwischendurch immer wieder Ausblicke auf das Meer – so macht es richtig Spass. Von mir aus kann es so weiter gehen!

Cadiz – Paris

Meine Kabine auf der Fähre von den Kanaren nach Cadiz

meine Unterkunft im Convent in Cadiz

Raus gehts aus Malaga – mein 1. Radlertag

zuerst am Meer entlang

rauf in die Berge

zwischendurch loser Untergrund

Ein wahrer Spruch auf einem Wohnmobil

Rechts lauter Gewächshäuser in der Region um Almeria

Valencia Nordbahnhof

Valencia Nordbahnhof

Valencia – Ciudad de las Artes y las Ciencias

Valencia

Valencia

weiter gehts Richtung Norden

den EuroVelo 8 entlang

durch eine seelenlose Retortensiedlung

alles blüht

vorbei an Artischokenfeldern

Und Karfiol

Liebe Grüße an die Lesemäuse

VOM RAD AUF‘S BOOT

Nach Rupi‘s Ankunft im Hafen von Tarfaya heisst‘s einmal warten. Dieter und ich dürfen zwar das bis dahin für uns versperrte Hafengelände betreten und nach Kontrolle unserer Pässe durch die Hafenpolizei weiterradeln zum Kai, wo Rupi mit seinem Boot liegen soll. Dort angekommen, sehen wir nur eine Menge Fischkutter – aber kein Segelboot. Ein sehr freundlicher Mann in Zivil steigt aus einem Polizeifahrzeug – er stellt sich als Polizeichef von Tarfaya vor – und deutet auf eine Stelle zwischen den Kuttern. Wir können noch immer kein Segelboot sehen, nur der obere Teil eines eines Mastes ragt über die Kante des Kais. Wir gehen an den Rand des Kais: ca. 5 m unter uns (es ist grad Ebbe) liegt das Segelboot – Rupi steht an Deck.

„Hallo Rupi – warum kommst du nicht rauf?“ „Ich darf nicht – erst muss das Boot inspiziert werden.“ Der Polizeichef bestätigt das – auch wir dürfen nicht an Bord, bevor das Boot nicht durchsucht worden ist. Und der zuständige Inspektor muss erst aus der 100 km entfernten Stadt El Aaiun in der Westsahara anreisen. „Und ich hab mich schon so auf ein kühles Bier gefreut (der Kühlschrank an Bord ist gut gefüllt mit dem Gerstensaft) und jetzt muss ich noch mal warten!“ meint Dieter enttäuscht – er leidet bereits unter dem 4-wöchigen Bierentzug in Marokko.

Um die Wartezeit zu verkürzen, helfe ich mit, ein schweres Schleppnetz, das am Kai liegt, wieder an Bord eines Bootes zu ziehen. Auf Kommando (Ho Ruck!) und unter Mithilfe vieler Hände wird gezerrt und gezogen – schließlich liegt es wieder einsatzbereit an Deck des Fischkutters. Die Fischer – lauter raue Burschen –  sind immer ca. 1 Woche auf hoher See unterwegs, bevor sie voll beladen mit Meerestieren, die unter Deck gleich mit Eis gekühlt werden, wieder in den Hafen kommen. 

Wir gehen dann den Kai entlang und entdecken etwas abseits gelegen ein weiteres Segelboot – als wir ein wenig später wieder den Polizeichef treffen, fragen wir ihn, woher der andere Segler kommt. Er erzählt uns, dass dieses Boot ohne Besatzung in den Hafen getrieben ist – so etwas kommt schon mal vor, wenn Einhandsegler (die alleine unterwegs sind) oder eine besoffene Partie, die sich auf offener See nicht angurtet bei hohen Wellen über Bord geht – das Boot fährt mit Autopilot dann halt allein weiter.

Dann endlich nähert ein kleines Fischerboot mit 4 uniformierten Beamten und einem Schäferhund und legt an der Längsseite von Rupi‘s Boot an. Die Polizisten und der Drogenspürhund inspizieren das Boot gründlich und nach 10 Minuten darf Rupi das Boot verlassen. Nur wie überwindet man die 5 Höhenmeter zwischen Boot und Kai? Ein Polizist lässt eine Strickleiter, die an einem Poller am Kai befestigt ist runter. „Na servas!“ denk ich mir. Rupi zittert sich die instabile Leiter hoch – nun können wir ihn endlich richtig begrüßen. Wir gehen noch in ein Café auf einen Minztee, bevor wir uns auf den Weg zurück zum Boot machen. 

Beim Anblick der wackeligen Strickleiter verlässt mich der Mut. „Ich steig da nicht runter – ich geh in ein Hotel und suche mir morgen einen Fischer, der mich mit seinem Boot zu Rupis Boot bringt.“ Erst nach langem Zureden und Sicherung mit einem Gurt, wage ich den Abstieg (Dieter steht am Kai und sichert mich, während Rupi das Boot ganz nah zur Kaimauer zieht, sodass ich keinen zu großen Schritt von der Leiter zum Boot machen muss). Das ganze findet statt unter den neugierigen Blicken der Fischer – ich glaube, die haben schon Wetten abgeschlossen, dass ich mich nicht hinunter traue – und zum Schluss gibts Applaus, weil ich gut an Deck ankomme. Bei der nächsten Flut – es sind jetzt nur noch 3 Höhenmeter zu überwinden – werden dann auch unsere Fahrräder an Bord gehievt und an der Reling festgebunden.

Dann beziehe ich wieder meine „Königin-Koje“ (wie Dieter sie nennt) im Bug des Bootes, während die Herren in kleinen Kabinen im Heck schlafen. Endlich gibts Bier für Dieter – ich koche in der Zwischenzeit ein schnelles Abendessen, das wir uns an Deck schmecken lassen.

Die Hierarchie an Bord ist auch schnell geklärt: an 1. Stelle steht Rupi, klar er ist der Kapitän. An 2. Stelle komme ich, auch klar, ich bin die Köchin. Bleibt für Dieter nur die Position 3: er darf (muss) sowohl Rupi als auch mir assistieren (was er übrigens voller Begeisterung macht). Man sieht schon, wir werden es lustig haben.

Die Überfahrt nach Fuerteventura ist für den übernächsten Tag geplant – Wind und Wellen sollten dann passen für die 120 Kilometer von Marokko zur „Insel des starken Windes“.  Bevor wir loslegen, kommen noch einmal 2 Uniformierte, um das Boot zu inspizieren, ausserdem müssen die Hafengebühren bezahlt werden und unsere Pässe werden mit Ausreisestempeln versehen. Die Sicherheitsgurte werden angelegt (funktionieren so wie Klettersteiggurte) – wann immer wir während der Überfahrt an Deck sind, hängen wir uns an, sodass maximal die Beine nass werden, sollten wir über Bord gehen.

Dann gehts los – um 09:00, die Sonne ist gerade erst aufgegangen. Gefrühstückt haben wir wohlweislich nichts (nur eine Tasse Kaffee) – wer weiss, wie lange die Nahrung im Körper bleibt. WUMM, WUMM, WUMM – die Wellen sind hoch und kommen von vorne, mit lautem Getöse gehts in die Wellentäler, der Wind pfeift und das Boot schaukelt wie wild. Ich glaub, mir wird gleich schlecht. Auch Dieter schaut sehr blass aus. Nur Rupi scheint das Ganze nix auszumachen. Dann aber wird er etwas hektisch. Irgendwas scheint mit der Genua (Vorsegel) nicht zu stimmen. Er geht zum Bug (immer angegurtet) und ruft dann Dieter zu sich. Dieter (es hat ihn voll erwischt) kämpft sich nach vor und beginnt, das Segeltuch zusammen zu raffen (das Vorsegel ist gerissen). Von mir ist momentan keine Hilfe zu erwarten, mir gehts extrem schlecht – völlig entkräftet lege ich mich auf die Bank im Cockpit. Dieter kommt zurück ins Cockpit und legt sich auf die andere Bank – auch er wie gelähmt. Na, wenigstens gehts dem Kapitän gut – Rupi wirkt ruhig und souverän. 

Der Wind lässt etwas nach und auch die Wellen sind nicht mehr so hoch. Ich döse vor mich hin und werfe ab und zu einen Blick aufs Wasser. Die starke Übelkeit ist vorbei, ein flaues Gefühl im Magen bleibt. Auch Dieter wirkt wieder etwas lebendiger. Vielleicht doch ein kleines Frühstück? Dieter geht in die Kombüse und macht ein paar Käsebrote. Okay, ein Bissen. Dann noch einer. Ganz langsam kauen. Dazu ein Schluck Wasser. Kurz darauf kommt alles wieder hoch. Ich beschließe, erst wieder zu essen, nachdem wir im Zielhafen angelegt haben.

Bis dahin dauert es aber noch. Der Wind wird immer schwächer, sodass wir nur noch mit 2 Knoten (weniger als 4km/h) gemütlich Richtung Westen segeln. Es ist nicht viel zu tun – der Autopilot hat übernommen. Mittlerweile sehen wir kein Land mehr – nur noch Meer und Himmel. Kurz vor Sonnenuntergang taucht neben dem Boot ein Schwarm Delphine auf. Vergnügt und „leichtfüßig“ springen sie aus dem Wasser, tauchen kurz unter, um gleich zum nächsten Sprung anzusetzen. Die Säuger begleiten uns ca. 5 Minuten, bevor sie abdrehen und in der Weite des Meeres verschwinden. Eine schöne Begegnung, die fröhlich stimmt.

Nach Einbruch der Dunkelheit – unter uns schwarz glitzerndes, scheinbar unendliches Nass und über uns der Sternenhimmel – geht es langsam weiter. Dann entdecken wir ein Licht, noch ziemlich weit entfernt, das sich aber rasch nähert. „Segelboote haben immer Vorrang vor Motorbooten.“ meint Rupi. Das heisst, das Motorboot muss ausweichen – wir halten unseren Kurs. Als das Boot nur noch ca. 100m von uns entfernt ist, wird Rupi etwas nervös. „Was wollen die? Die müssen uns doch sehen!“ Sicherheitshalber schaltet er die Scheinwerfer ein und wir stehen alle 3 im Scheinwerferlicht an Deck – unsere Blicke auf das Boot vor uns gerichtet. „Damit die sehen, dass wir zu dritt sind.“ meint er. Wer sind „die“? Piraten? Oder doch nur Fischer? An Deck des anderen Bootes sieht man keine Menschenseele – doch dann entdecken wir ein paar Personen, die unaufgeregt hin- und hergehen. Das Boot (es war wahrscheinlich ein Fischerboot) dreht dann doch ab und wir setzen unsere Reise durch die Nacht fort. Der Rest der Überfahrt verläuft unspektakulär – Dieter übernimmt einen Teil der Nachtwache an Deck, damit Rupi sich auch aufs Ohr legen kann. Rechtzeitig zum Sonnenaufgang (wir waren 24 Stunden unterwegs) laufen wir im Hafen von Gran Tarajal ein, wo wir am äußersten Steg unser Boot vertäuen. Jetzt wird erst mal gefrühstückt! Das flaue Gefühl ist vollkommen verschwunden – mit großem Appetit lassen wir uns im Sonnenschein an Deck Kaffee, Orangensaft, Brot, Butter, Marmelade, Eier, Käse, Salami und Obst munden. Bienvenido a Fuerteventura!

Dann heissts einkaufen gehen, Wäsche waschen (Rupi hat eine Waschmaschine an Bord), Boot putzen – innen und hauptsächlich außen- der Saharasand hat sich überall festgesetzt. Und – Weihnachten steht vor der Tür! Rupi hat einen Plastikweihnachtsbaum, der von Dieter zurechtgezupft und mit Lichterkette dekoriert wird, bevor er am Steuerstand festgemacht wird. So manches Nachbarboot ist ebenfalls weihnachtlich illuminiert, sodass auch fern der Heimat so etwas wie Weihnachtsstimmung aufkommt. Unsere Nachbarn am Steg, eine dänische Familie mit 3 Kindern (2 Buben mit 14 und 8, 1 Mädchen mit 11 – sie werden von der Mutter bzw. online unterrichtet), die sich auf einer 2-jährigen Segeltour befindet, bringen uns einen Teller selbstgemachte Weihnachtskekse vorbei. Wir revanchieren uns mit einem Apfel-Nussstrudel, frisch aus dem Backrohr.

Am 24.12. segeln wir dann noch das Stück rauf nach Puerto del Rosario – immer die Küste entlang, sodass wir am Nachmittag im Heimathafen von Rupi ankommen. Es folgt eine herzliche Begrüßung durch die Segler, die ich schon vom letztem Winter kenne. Dann noch schnell was Feines gekocht – Rupi hat sich wieder Wiener Schnitzel mit Erdäpfel und Salat gewünscht – untermalt von Weihnachtsliedern, laut, falsch aber mit Begeisterung gesungen von Rupi, Dieter und mir. Ein wunderschöner Abend voller Freude und Dankbarkeit, dass alles gut gegangen ist.

Im Hafen sind auch einige neue Gesichter zu sehen: Katharina und Uli, ein deutsches Paar, das vor 8 Jahren bei Rupi Segeln gelernt hat und mittlerweile ein eigenes Boot besitzt. Die beiden ca. 50-jährigen haben ihre Firma in Deutschland verkauft und das Haus vermietet und befinden sich auf Weltumsegelung. Jetzt wollen sie einmal ca. 1 Jahr auf den Kanaren bleiben, bevor es es Winter 26/27 weiter Richtung Karibik geht. 

Mark aus Irland und seine kroatische Frau Maria liegen mit ihrem 12m Boot direkt neben uns. Sie füllen gerade ihre Vorräte auf, in ein paar Tagen heisst es „Leinen los“ nach Martinique in der Karibik – 3 bis 4 Wochen wird die Überfahrt dauern.

Und dann ist da noch Jorge, ein älterer Spanier, der mit seiner Hündin Geta (die von den diversen Seglern mit Leckerlis verwöhnt wird) und deren 2 süßen Welpen auf einem Boot lebt. Er muss unsere Einladung zum Weihnachtsessen ausschlagen, weil er so heftige Schluckbeschwerden hat.

Am 26. Dezember begleiten wir Dieter noch zur Fähre nach Teneriffa und es heisst – nicht ohne Wehmut – Abschied nehmen von einem wunderbaren Reisegefährten. Aber wer weiss, vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.

Silvester wird hier nicht großartig gefeiert – der einzige Lärm, den wir vernehmen kommt von den 2 Charterbooten, die neben uns liegen. Die polnische Crew feiert eine feuchtfröhliche Party. 

Das neue Jahr beginnt stürmisch. Heftiger Südwind treibt hohe Wellen in den Hafenbereich. Die Boote führen einen wilden Tanz auf (auf hoher See war es auch nicht schlimmer), ich traue mich nicht mehr raus auf den schmalen Steg und bleibe auf der Bank im Salon liegen. Das flaue Gefühl ist wieder da – ich beschließe, nichts zu essen. An Kochen ist sowieso nicht zu denken, bei dem heftigen Geschaukel würden einem die Töpfe und Pfannen um die Ohren fliegen. Rupi, der kurz bei den anderen Seglern vorbeischaut, erzählt dass Katharina und Uli ebenfalls seekrank sind und im Bett liegen. Seekrank im Hafen – ja, das gibts tatsächlich. Die beiden Welpen auf dem Boot von Jorge werden durch das heftige Schaukeln immer wieder ins Wasser geschleudert (sie können aber eh gut schwimmen). Geta schlägt dann immer laut bellend Alarm und irgendein Skipper fischt die kleinen Hunde dann wieder raus.

Der Zustand von Jorge hat sich extrem verschlechtert – er muss ins Krankenhaus. Das Rettungsteam, das ihn abholen soll, traut sich aber nicht auf den Schwimmsteg, der sich wild hin und her und auf und ab bewegt.  Ein paar beherzte Segler tragen den armen Jorge – er ist ganz abgemagert – raus aus dem Boot und legen ihn auf eine Bahre, die sie nach vor zum gemauerten Kai tragen, wo das Rettungsfahrzeug wartet. Die Polizei, die diese ganze Aktion begleitet, hat bereits veranlasst, dass die Hunde ins Tierheim gebracht werden. Jorge hat zwar einen Sohn, der ist momentan aber zum Skifahren in Italien. Na, hoffen wir, dass es Jorge bald besser geht und er mit seinen Hunden auf das Boot zurückkehren kann.

unser Parkplatz zwischen Fischkuttern im Hafen von Tarfaya

Dieter mit dem Polizeichef von Tarfaya

ein herrenloses Segelboot angetrieben im Hafen

Dieter mit seinen langen Beinen tut sich leicht, die Kaimauer rauf- und runter zu klettern

ich plage mich noch

die Räder sind an Bord – es kann bald los gehen

Rupi, unser Kapitän ausgerüstet mit Sicherungsgurt

ein Nickerchen auf hoher See

Piraten? Oder doch Fischer?

Dieter übernimmt das Ruder

gut angekommen auf Fuerteventura

Viele Vitamine

Weihnachtsabend an Bord

GESCHAFFT!

Dieter ist nach 2 Tagen Aufenthalt in Agadir noch immer nicht ganz fit – wir beschließen daher, auch die nächste Etappe bis Guelmim („Das Tor zur Sahara“) mit dem Bus zu fahren. 15 km östlich von Guelmim liegt eine Oase „Tighmert“ und dort werden sehr nette Unterkünfte angeboten. Wir entscheiden uns für „La Maison de l‘Homme Bleu“ (das Haus des blauen Mannes) – die Tuaregs (Nomaden) werden hier auch „Blaue Männer“ genannt, weil sie sich mit indigoblauen Dschellabas und Turbanen kleiden. 

Wir radeln also die 15km von der Bushaltestelle in Guelmim bis zur Oase und das war wirkliches Genussradeln. Eine asphaltierte Strasse, fast kein Verkehr, leichter Rückenwind, keine Steigungen, angenehme 18 Grad und Sonnenschein – wann immer wir bei einem Haus vorbeikommen, wird uns begeistert zugewunken; so oft kommen wahrscheinlich keine vollbepackten Radler vorbei.

Und der Genuss geht weiter – die Unterkunft in der Wüste ist ein Traum. Unter Palmen gelegen, mit viel Liebe gestaltet: wir haben uns von Anbeginn an wohlgefühlt. Brahim, unser Gastgeber, ein äußerst sympathischer und gutaussehender Tuareg erzählt uns in perfektem französisch die Geschichte seiner Familie und dieses Hauses. Sein Vater, der 1910 geboren wurde, hat noch als Nomade gelebt. Er hatte 10 !!! Ehefrauen – Brahim ist das jüngste Kind der letzten Frau, die 1950 geboren wurde und bereits mit 13 Jahren mit dem 40 Jahre älteren Mann verheiratet wurde. „Damals war das üblich – heute kommt das nicht mehr vor. Die Zeiten haben sich geändert.“ meint Brahim, der auch bereits verschiedene europäische Länder bereist hat. Die Digitalisierung hat auch hier Einzug gehalten – in der Oase haben wir superschnelles Internet – da das Quartier (es gibt ohnehin nur 4 Zimmer) online über booking.com vermarktet wird, ist Brahim darauf angewiesen. 

Gleich nach der Ankunft am Nachmittag werden wir mit einer Kanne Minztee und Datteln verwöhnt, serviert in einer schattigen Laube unter Palmen. Und zum Abendessen gibt es ein Gemüseomlett als Vorspeise, dann eine Tajine mit Dromedar, Quitten, Pflaumen und Zwiebeln mit hausgemachtem Fladenbrot und als Abschluss eine karamellisierte Apfeltarte. Alles hat sehr fein gemundet.

Nach einem ausgiebigen Frühstück (mit Brot, Oliven- und Arganöl, Honig, Mandelmus, Käse und Kaffee) und einer herzlichen Verabschiedung geht es am nächsten Tag wieder zurück nach Guelmim. Wir fahren noch eine Etappe mit dem Bus – unser Tagesziel ist Akhfennir am Atlantik. Was für ein Kontrast zur Oase! Dieses Akhfennir ist ein trostloses, dreckiges Wüstenkaff (ca. 3000 Einwohner) – der ganze Verkehr Richtung Mauretanien und Senegal bewegt sich entlang der einzigen asphaltierten Strasse durch den Ort. 

Wir haben aber Glück mit dem Quartier. „Chez Eric“, direkt am vermüllten Strand gelegen, hat ein Zimmer frei. Eric ist ein pensionierter französischer Kriminalbeamter (Dieter, der ja auch pensionierter Kriminalhauptkommissar ist hat sich gleich sehr gut mit ihm verstanden), der mit seiner viel jüngeren marokkanischen Ehefrau Naima eine Pension betreibt – ein wirklicher Lichtblick in dieser tristen Umgebung. Die Zimmer einladend, sehr sauber, schönes Badezimmer. Und es gibt ausgezeichnetes Abendessen und Frühstück. Am Abend setzt starker Regen, begleitet von heftigen Sturmböen ein. In der Nacht höre ich, wie der Regen, der offensichtlich waagrecht daherkommt, gegen die fest geschlossenen Fenster trommelt. Dann am nächsten Morgen, als ich aus dem Bett steige: der Boden des Zimmers steht unter Wasser. Die Bettvorleger vollgesogen mit Wasser, auch mein kleiner Stoffrucksack, der am Boden unter dem Fenster lag komplett nass. Im Rucksack bewahre ich u.a. den Reisepass auf und der hat einiges abbekommen. Das glaubt mir jetzt keiner: Mitten in der Wüste in einem geschlossenen Raum wird mein Reisepass durch Wassereintritt (die haben bei den Fenstern offensichtlich keine Dichtungen, weil sie diese normalerweise auch nicht benötigen) beschädigt. Ich lege ihn mal zum Trocknen auf die Anrichte.

Nach Tarfaya sind es nur noch 101 km – sobald die Wettervorhersage passt, wollen wir diese Strecke radeln. Für den nächsten Tag schaut es gut aus, Sonne und ein paar Wolken und das ganze bei 18 Grad – besser wird‘s nicht mehr. Raus gehts aus Akhfennir bei Sonnenschein – wir rechnen damit, Tarfaya in 7 Stunden zu erreichen. LKW Fahrer und Lenker der Abenteurer-Expeditionsfahrzeuge (die man hier manchmal sieht) winken uns begeistert zu oder zeigen uns mit einem „Daumen hoch“ ihren Respekt. Radfahren durch die Wüste – das macht nicht jeder (nur so Wahnsinnige wie wir). Tafeln am Straßenrand warnen vor Sandverwehungen und Kamelen, die die Fahrbahn queren. Die Strasse, asphaltiert und 4-spurig (2 Fahrbahnen/Richtung) mit wenig Verkehr. Links und rechts Sand- und Steinwüste, immer wieder sieht man Skelette aus dem Sand ragen. Nach dem Starkregen lugt hier und da auch etwas grün hervor. Nach 10 Kilometern verzieht sich die Sonne und es beginnt zu tröpfeln. Der Regen wird stärker und es dauert nicht lange, bis unsere äußere Kleidungsschicht komplett durchnässt ist. Nirgendwo eine Möglichkeit, sich unterzustellen. Dazu kommt Gegenwind – viel schlimmer kann es nicht mehr werden. Die Fahrzeuge, die uns überholen, sind voll bepackt – es hat keinen Sinn, sie anzuhalten. 

Dieter ist an einem Tiefpunkt angelangt („ich bin total am Arsch“)- mittlerweile bin ich die Schnellere und er fährt in meinem Windschatten. Irgendwann wird der Regen weniger und nach ca. 40 Kilometern zeigt sich wieder die Sonne. Mitten im Nirgenwo machen wir eine Pause – Bananen, gebrannte Erdnüsse und ein paar Kekse geben ein bisschen Kraft – weiter gehts, es ist noch ein breiter Weg nach Tarfaya.

Nach 75 Kilometern kommt eine Tankstelle mit kleinem Supermarkt und Café – wir gönnen uns 2 kräftige Espressi und essen die letzten Kekse auf – es sind nur noch 25 Kilometer bis Tarfaya. Und dann wird es richtig zäh – der Gegenwind ist stärker geworden und mein ständiger Blick aufs Handy, wo die Komoot-App die noch zu fahrenden Kilometer anzeigt trägt auch nicht grad zur Motivation bei. Dass der letzte Radlertag so mühsam sein muss!

Aber dann, kurz vor 18:00 reiten wir auf den Drahteseln in Tarfaya ein – auf den Tag genau 12 Wochen, nachdem wir in Paris losgeradelt sind. Wir haben Sand in den Haaren, im Gesicht und sogar im Mund. Und das, obwohl kein Sandsturm war (der viele Regen hat das verhindert) – es ist aber trotzdem viel feiner Sand in der Luft.  Insgesamt fast 4.000 Kilometer und 24.000 Höhenmeter in den Wadln – jetzt freuen wir uns aufs Chillen und Nichtstun! Und so schnell werde ich den Helm nicht wieder aufsetzen.

Am Abend lese ich, dass es in Safi, wo wir erst vor 1 Woche waren, viele Tote aufgrund von schweren Überschwemmungen gibt. Wir hatten ja fast die gesamte Strecke Glück mit dem Wetter: Im Frankreich waren die Oktobertemperaturen noch so angenehm, dass wir im Atlantik baden konnten. In Spanien haben wir die paar Regentage genützt, uns auszuruhen und auch in Marokko war uns der Wettergott die meiste Zeit hold. Glück hatten wir nicht nur mit dem Wetter, sondern auch unsere Gesundheit hat gut mitgespielt – abgesehen von den Knieschmerzen und der Magen-Darm-Geschichte bei Dieter (beides ist schon wieder gut) gab es keinerlei Schwierigkeiten. Und nicht zu vergessen: Dieter und ich waren ein Super-Team. Wir haben uns ja über eine Reiseplattform kennengelernt und vor der gemeinsamen Tour nur 2x getroffen. Unkompliziert, humorvoll, hilfsbereit und ein gemeinsames Ziel vor Augen, so gelingt Paris-Tarfaya!

Morgen wird Rupi, der Segler, mit dem ich vergangenen Winter auf den Kanaren verbracht habe, mit seinem Segelboot in Tarfaya ankommen und wir werden dann zu dritt nach Fuerteventura segeln. Dieter wird sich zu Weihnachten mit seinen Töchtern auf Teneriffa treffen und ich werde die restlichen Wintermonate ebenfalls auf den Kanaren verbringen. Und ab und zu sicher auch eine Radtour unternehmen. 

Rad fährt Bus – ganz unkompliziert in Marokko

Brahim, ein „Blauer Mann“ (Tuareg)

in der Oase

zur Begrüßung gibts Minzetee und Datteln

und zum Abendessen Tajine mit Dromedar, Quitten, Pflaumen und Zwiebeln

Dieter‘s Hinterrad braucht wieder mal fachmännische Betreuung

Akhfennir, das hässliche Wüstenkaff am Atlantik

aber bei Eric lässt sich‘s aushalten

Eric, der pensionierte Kriminalkommissar aus Frankreich gemeinsam mit Naima, seiner marokkanischen Frau

Achtung: Sandverwehungen!!

ABNUTZUNGS-ERSCHEINUNGEN

Nach unserem Wochenende in Fes nehmen wir auch zurück nach Kenitra an der Küste wieder den Zug, der – wie schon bei der Hinfahrt – voll besetzt ist. Fahrradmitnahme ist in den marokkanischen Zügen leider nicht gestattet – wir haben daher unsere Räder und einen Teil unseres Gepäcks beim Vermieter unseres Apartments gelassen. Er ist so nett und holt uns mit seinem Auto vom Bahnhof ab und lädt uns vor unserer Weiterfahrt noch zu sich in die Wohnung ein. Seine Frau serviert kräftigen Kaffee und marokkanische Mehlspeisen (Dieter ist mittlerweile ein großer Fan dieser süßen Versuchungen). Herr Zerhouni, der Vermieter ist ein richtiger Sir – immer herausgeputzt und fein gekleidet. Stolz zeigt er uns seine schöne Wohnung im 6. Stock eines Wohnblocks – von den Balkonen der 130m2 grossen Unterkunft sieht man auf einen Park. Die Wohnung sei mittlerweile viel zu gross für ihn und seine Frau, meint er. Die 3 Kinder, die so wie er auch alle im Ausland studiert haben, sind längst ausgeflogen und haben eigene Familien. Die älteste Tochter lebt in Stockholm, wo sie mit einem türkischen Banker verheiratet ist und 2 kleine Kinder hat. Die 2. Tochter lebt mit ihrem marokkanischen Gatten in Paris, wo sie in einer gehobenen Position in der Verwaltung tätig ist. Nur der Sohn ist in Marokko geblieben – er lebt mit seiner Familie ein paar hundert Kilometer entfernt in El Jadida. „Aber zu Weihnachten kommen alle wieder auf Besuch  – darauf freuen wir uns besonders. Und zum Glück gibts WhatsApp, so bleiben wir immer in Kontakt.“

Für uns gehts radelnd weiter an der Küste entlang Richtung Süden. Zuerst durch eine sehr ärmliche Gegend mit einfachen Hütten und losem Untergrund und Kakteen am Wegesrand (zu Sturz kommen darf man hier nicht), dann auf der Bundesstraße, die glücklicherweise nicht allzu stark befahren ist. Wir fahren durch Rabat, die Hauptstadt des Landes, und sind überrascht von den vielen modernen Gebäuden. Ganz neu errichtet wurde das königliche Theater und der Mohammed VI Tower, das 2. höchste Gebäude Afrikas. Auch die Medina, die wir mit den Rädern durchqueren, wirkt nach unseren Eindrücken aus Fes und Tanger etwas strukturierter und aufgeräumter. Und wir fahren in Marokko zum 1. mal auf einem Radweg – okay, es ist zwar nur so ein „Fake-Radweg“, der baulich nicht vom restlichen Verkehr abgetrennt ist, aber immerhin ist ein schmaler Streifen auf der Fahrbahn für Radfahrer reserviert. 

Südlich von Rabat (am Atlantik) reiht sich Feriensiedlung an Feriensiedlung – teilweise muss man an Schranken mit Wachposten vorbei, um das Areal betreten zu können. Und wo die Küste noch nicht verbaut ist, stehen Baukräne. Auf grossen Plakatwänden werden Wohnungen (um umgerechnet € 70.000,00) und Häuser (um umgerechnet € 600.000,00) angeboten. Fraglich ist, wieviele Marokkaner sich so etwas leisten können.

Irgendwo in dieser Gegend habe ich dann auch eine nicht so angenehme Begegnung mit Hunden. Dieter fährt – wie fast immer – etwas vor mir, als plötzlich ein ziemlich großer Hund aus dem Gebüsch springt und mich aggressiv anbellt. Ein zweiter Vierbeiner schließt sich an, sodass ich – flankiert von 2 Hunden – anfange so schnell wie möglich zu radeln. Ein Hund hat mich bereits eingeholt und versucht, mich ins Wadl zu beißen. Ich hebe sicherheitshalber beide Beine in die Höhe, sodass er mich nicht zu fassen kriegt. Dieter ist durch das laute Gebell auf meine Notsituation aufmerksam geworden. Er dreht um, erhebt sich, sodass er mit den Füssen auf den Pedalen steht (und dadurch noch größer wirkt, als er ohnehin schon ist) und kommt mit hoher Geschwindigkeit und lautem Geschrei auf uns zu. Ein Hund dreht sofort um, der zweite gibt noch einen wilden Laut von sich, bevor er den Schwanz einzieht und wieder im Gebüsch verschwindet. Mein Puls beruhigt sich wieder – obwohl ich schon so viele Hundeattacken in Süditalien und im Kaukasus erlebt habe – daran gewöhnen werde ich mich wohl nie.

Wir folgen normalerweise immer den Routen, die uns Komoot vorschlägt. Diesmal führt uns der Weg in ein vermeintliches „Wohngebiet“ – am Eingang ist ein Wachposten, der so in sein Handy vertieft ist, dass er nicht bemerkt, wie wir uns am Schranken vorbeischlängeln. Uns fällt dann aber auf, dass alles extrem sauber und der Rasen auf den mm genau geschnitten ist. Einfach zu perfekt. Lauter schöne Villen mit blühenden Sträuchern. Ein Jogger kommt uns entgegen und schaut uns verwundert an. Nach 2km wieder ein Wachposten: 4 uniformierte und bewaffnete Männer. Sie weisen uns freundlich, aber unmissverständlich in perfektem französisch darauf hin, dass wir uns auf königlichem Areal befinden und hier keinesfalls weiterfahren dürfen. Okay, dann kehren wir halt um.

Die nächste Herausforderung, die auf uns wartete war Casablanca. Beide hatten wir großen Respekt vor dem Radeln in dieser 3,2 Mio Einwohner Stadt. Radwege gibt es natürlich nicht. 15km vor dem Tagesziel im Zentrum machen wir noch eine kurze Pause. Wir befinden uns bereits in einer Einfallsstrasse, es ist 16:00, das heisst Rush Hour. Noch schnell einen Schluck trinken, eine Banane und ein paar Walnusskerne essen – Nervennahrung. Volle Konzentration und los gehts – rein in den Wahnsinn. Dieter fährt vor. Autos (viele fette Schlitten), LKWs, Mopeds – immer wieder Stau. Ampeln gibt es fast gar nicht, aber viele Kreisverkehre. Und wer am forschesten ist, fährt einfach. Zebrastreifen gibt es zwar – die werden aber von allen ignoriert. Ganz wichtig ist: Blickkontakt zu den anderen Verkehrsteilnehmern und dann das kurze Nicken des anderen abwarten, bevor man in die Pedale tritt. Sehr viele Fahrzeuge stehen in 2. Spur, d.h. ständig muss man Spur wechseln – ich weiss nicht, was ich ohne meinen Rückspiegel gemacht hätte.  Es wäre interessant gewesen, diese Fahrt in das Stadtzentrum mit einer Drohne zu filmen – wir haben das nämlich ganz souverän gemeistert und sind gut in unserem wunderschönen, sehr modernen Apartment direkt an der Fußgängerzone gelegen, angekommen. 

Südlich von Casablanca gehts dann weiter durch ländliches Gebiet. Da es vergangenes Wochenende stark geregnet hat, leuchtet es überall zart grün. Und die Bauern bestellen ihr Land mit einfachsten Mitteln: der Einscharpflug wird von nur einem Esel gezogen. Das Saatgut wird mit der Hand ausgestreut, selten sieht man landwirtschaftliche Maschinen. 

Wir halten in einem kleinen Dorf, um Getränke zu kaufen. In einem primitiven Verschlag werden wir fündig: Wasser und Zitronenlimonade wechseln um umgerechnet ein paar Cent die Besitzer. Der Ladenbesitzer – er heisst Mohammed-  hat sicher noch nie einen Touristen als Kunden begrüßt. Gut ausgestattet mit Getränken, die wir gleich in unsere am Rad befestigten Trinkflaschen umfüllen, schwingen wir uns wieder in den Sattel. Etliche Kilometer weiter in einer kleinen Stadt lockt ein Café. „Moni, Bock auf Kaffee?“ „Ja, klar.“ Wir nehmen Platz. „Wo ist mein Rucksack?“ fragt Dieter – sichtlich nervös. Nun muss man dazu sagen, dass Dieter dazu neigt, seinen Rucksack, in dem er Snacks, Reisepass,… aufbewahrt irgendwo liegen zu lassen (ist bis jetzt auf unserer Tour 3 x passiert und immer gut ausgegangen). Ich verdrehe die Augen – wie kann man nur so schusselig sein – und rechne bereits mit einer längeren Reiseunterbrechung, weil Dieter auf seinen neuen Pass warten muss, nachdem er ihn auf der deutschen Botschaft in Rabat beantragt hat. In den meisten Unterkünften in Marokko muss man den Reisepass vorweisen – ohne Pass können wir also auch nicht großartig herumreisen.

In dem Moment kommt Mohammed, der Ladenbesitzer zu uns an den Tisch. In der Hand der schon verloren geglaubte Rucksack. Dieter hat tatsächlich seinen Rucksack beim Einkaufen im Laden liegen lassen. Mohammed hat sich daraufhin ein Fahrzeug organisiert und ist die Strasse entlang gefahren bis er unsere Fahrräder, die wir vor dem Café abgestellt hatten, entdeckt hat. Dieter fällt ein Stein vom Herzen und will sich erkenntlich zeigen, was Mohammed aber entschieden ablehnt. „Shokran katiran!“

Es gibt also nicht nur Bösewichte, die einem das Handy rauben wollen, sondern einfach nette Leute, die einem selbstlos helfen.

Die Straßen bzw. Wege, die wir entlang fahren stellen teilweise eine große Herausforderung dar. Auf den asphaltierten Hauptstraßen ist es der starke Verkehr, der uns zu schaffen macht und auf den Nebenstraßen ist es der oft sehr ruppige Untergrund, der vor allem unseren Rädern das letzte abverlangt. Dieter hat bereits in Südspanien bei einer wilden Abfahrt über eine Holperpiste ein paar Speichen seines Hinterrades verloren – in der nächsten Ortschaft gab es glücklicherweise eine Fahrradwerkstätte, wo der Schaden wieder behoben wurde. Wir haben dort auch gleich beide Fahrräder servicieren lassen, damit sie fit sind für Marokko.

Kurz vor Loualidia macht Dieter’s Hinterrad aber wieder Probleme – wir haben an dem Tag 100 Kilometer zu radeln und 80 haben wir bereits geschafft. Die Piste ist so ruppig und wild, sodass sich sämtliche Speichen seines Hinterrads gelöst haben und die Felge so instabil und verzogen ist, dass an ein Weiterradeln nicht zu denken ist. Es ist ausserdem bereits 16:30 und in unserer Unterkunft in Loualidia ist check-in nur bis 18:00 möglich.  Also beschließen wir, dass ich allein zum noch 20km entfernten Hotel auf einer Asphaltstraße mit viel Verkehr vorfahre und Dieter sein Rad schiebt und versucht, eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren. Ich komme rechtzeitig an im Quartier und kurz nach mir ist auch Dieter bereits da – mit repariertem Fahrrad!  Er wurde – sein Rad schiebend – von Rafik, der an der Strasse entlang ging, angesprochen. Welches Glück: Rafik hat in Hamburg studiert und spricht perfekt deutsch. Er organisiert kurzerhand ein Auto, das Dieter samt Drahtesel nach Loualidia, wo sich auch eine Radwerkstätte befindet, transportiert. Der Mechaniker bringt in seiner kleinen Werkstatt alles wieder in Ordnung für 10 Dirham (1 €), sodass Dieter rechtzeitig noch vor Sonnenuntergang in der Unterkunft ankommt. Dort genießen wir ein vorzügliches Abendessen – mit Blick auf die Lagune mit vielen bunten Fischerbooten und begleitet vom Rauschen des Atlantiks.

Die Strecke hinterlässt Spuren – nicht nur an den Rädern, sondern auch an den Radfahrern. In der Nacht hat Dieter so heftige Schmerzen im linken Knie, sodass erst nach Einnahme von 2 Ibuprofen an Schlaf zu denken ist. Am nächsten Morgen noch eine Tablette, bevor wir in das nur 70km entfernte Safi weiterradeln. 

Und dann ist Schonung angesagt. Wir nehmen für die nächste Etappe nach Essaouira den Bus. Ganz einfach online zu buchen (allerdings kann man keine Radmitnahme online buchen) sind wir 30 Minuten vor der geplanten Abfahrtszeit am Busbahnhof in Safi. Am CTM Schalter zeige ich meine Tickets vor und sage, dass wir auch 2 Fahrräder mitnehmen wollen. Zack-zack sind 2 Tickets für unsere Drahtesel ausgestellt (3 € pro Rad) – der CTM Mitarbeiter spricht gutes Englisch – und die Räder werden sogar stehend im hohen Gepäcksabteil des Busses befördert. 

Man merkt jetzt bei jedem Meter, den wir uns südwärts bewegen, dass die Wüste näher kommt. Das Land wird immer trockener, man sieht Ziegen, die in die Kronen der knorrigen Bäume klettern und dort an grünen Blättern naschen, weil sie am Boden zu wenig Nahrung finden und ab und zu auch Kamele. Und spürbar heißer wird es auch – untertags hat es in der Sonne ca. 26 Grad. 

In Essaouira, einer sehr interessanten Hafenstadt mit Hippie-Flair und vielen Touristen (aber weit entfernt von over-tourism) wohnen wir wieder in einem schönen Riad, wo uns beim Frühstück auf der sonnigen Dachterrasse eine freche Möwe glatt ein Croissant stiehlt und damit davonfliegt. Dieter gönnt sich eine Rasur beim barber. Sein Knie ist etwas besser, aber noch immer nicht ganz gut und ab und zu schluckt er noch Ibuprofen. Wir beschließen daher, bis Agadir mit dem Bus weiter zu fahren. Auch diesmal klappt es wieder einwandfrei mit der Fahrradmitnahme – der Buschauffeur und der Ticketverkäufer von CTM wollen alle Details zu unseren mittlerweile ziemlich verdreckten Fahrrädern wissen. Zwischen den hier üblichen Vehikeln wirken sie wie Geräte aus einer anderen Welt.

Angekommen in der sehr sauberen und modernen Touristenstadt Agadir klopft bei Dieter mit lautem Bauchgrummeln Montezuma an – das Knie spürt er auch noch immer (mir geht es glücklicherweise gut). In den nächsten paar Tagen ist daher nicht an Radfahren zu denken; für die bevorstehenden Etappen durch die Wüste – es sind ohnehin nur noch ca. 500 km bis zum Ziel in Tarfaya – müssen wir beide absolut gesund sein.

weiter geht‘s – jetzt nur nicht an den Kakteen anstreifen

es hat geregnet

so eine Holperpiste – da muss man schieben

in den Städten immer wieder interessante street art

in unserem Riad in Azemmour gibts tatsächlich einen Christbaum

in der Medina von Essaouira

am Hafen

1 kg saftig süßer Mandarinen kostet umgerechnet 40 cents

MAROKKO

Sowohl Dieter, der noch nie in Afrika war, als auch ich, die schon verschiedene Länder des schwarzen Kontinents bereist hat (aber nie mit dem Rad), waren sehr gespannt, was uns in Marokko erwarten würde. Bis zum Jahr 2000 war ich einige Male in Marokko gewesen – immer zu Besuch bei Verwandten meines Ex-Mannes, der aus Fes stammt. Seither sind 25 Jahre vergangen – ob und wie sich das Land wohl verändert hat?

Bereits am Hafen von Tarifa in Spanien fallen mir die vielen SUV‘s mit marokkanischem Kennzeichen auf, die ebenfalls mit der Fähre nach Tanger übersetzen. Nach unserer Ankunft in Tanger (die Einreiseformalitäten werden bereits auf der Fähre erledigt) gehts erst die paar Kilometer mit etlichen Höhenmetern in die Medina zu unserem gebuchten Riad. Radwege darf man hier natürlich nicht erwarten – wir teilen uns die Strasse mit unzähligen Autos, Motorrädern, Pferde- und Eselgespannen. Chaotisch, laut, bunt, vorbei an Cafés, in denen Männer im TV Fussball schauen und Minztee trinken- willkommen im Orient!

In der Medina ein Gewirr an engen Gassen mit unzähligen Riads, die man nur zu Fuß oder mit einem einspurigen Fahrzeug erreichen kann. Riads, diese nach innen gerichteten Gartenhöfe mit Dachterrasse, werden mehr und mehr zu Gästehäusern umgebaut und touristisch vermarktet. Wir dürfen unsere Räder im Eingangsbereich des Riads sicher abstellen und machen uns dann auf den Weg in ein Restaurant. Typisch marokkanisch muss es natürlich Couscous (mit Huhn) und Tajine (mit Rindfleisch und Pflaumen) sein. Dazu heißer, süßer Minztee. Alles sehr fein! Am Weg zurück ins Riad verirren wir uns ein paar Mal – es ist ein Labyrinth an engen Gassen, sodass selbst google maps teilweise nicht richtig anzeigt. Komoot, über das wir beim Radfahren navigieren, funktioniert besser, schlussendlich sind wir wieder in unserem Quartier angekommen.

Am nächsten Morgen Frühstück bei Sonnenschein auf der Dachterrasse – auch auf den umliegenden Terrassen sitzen Touristen, die ihr orientalisches Frühstück in der Sonne sitzend genießen. Wir organisieren uns dann noch SIM-Karten und tauschen unsere EUROs in Dirhams, bevor es mit dem Rad weiter Richtung Süden geht.

Es ist Montagmorgen mit viel Verkehr – das Fahren aus der Stadt ist zäh, wann immer es möglich ist, fahren wir am Gehsteig – die Polizei tangiert das nicht. Dann – wir sind noch immer nicht draußen aus der 1,3 Mio Einwohner Stadt – Dieter fährt vor mir auf einer wenig befahrenen Nebenstraße – kommt von hinten ein Motorrad mit 2 Männern und überholt mich. Als es auf der Höhe von Dieter ist, verreißt der Fahrer das Motorrad nach rechts, sodass Dieter strauchelt und beinahe zu Sturz kommt. „Was wollen die?“ denke ich mir, im nächsten Moment geben sie Gas und brausen davon. „Alles okay?“ frage ich Dieter. „Die wollten mein Handy klauen!“ Um navigieren zu können, haben wir unsere Mobiltelefone am Lenker angebracht – bei Dieter ist das Telefon mit einer Sicherungsschnur befestigt und daher ist es dem Bösewicht nicht gelungen, es zu rauben – die Sicherungsschnur hat gehalten. Für mich war das schon eine Schrecksekunde, aber Dieter, ein ehemaliger Kripobeamter, hat das ganze als sehr spannend und interessant empfunden.

Okay, noch mal alles gut gegangen, weiter gehts zuerst noch auf einer Nationalstraße, dann auf einer angenehm zu fahrenden Landstraße. Am Straßenrand werden Feigen, Granatäpfel und manchmal auch Coffee-to-go (aus tollen italienischen Kaffeemaschinen) angeboten (das hat es bei meinem letzten Besuch vor 25 Jahren definitiv noch nicht gegeben). Und was man am Straßenrand auch sieht: Müll. Schon in Spanien habe ich mir gedacht: „Wenn ich für jede leere Getränkedose oder -Flasche im Straßengraben einen Cent bekomme, so wäre ich Multimillionärin.“ Und auch hier wandern die leeren Dosen, Flaschen und Zigarettenpackungen direkt aus den fahrenden Autos in den Straßengraben. 

In einer kleinen armseligen Ortschaft halten wir an einem Kiosk (Miniladen), um ein Getränk zu kaufen. Es ist keine touristische Gegend und die Leute dort sehen so gut wie nie Touristen (und schon gar nicht solche, die mit dem vollbepackten Rad unterwegs sind). Die „Verkäuferin“, Mariam, etwa 10 Jahre alt spricht nur arabisch und freut sich riesig, uns 3 Dosen Maracuja-Orange verkaufen zu können. Ihre Mutter kommt dann auch noch aus dem dahinter liegenden Haus und schenkt uns ein noch warmes Fladenbrot frisch aus dem Ofen. „Shokran katiran!“ und schon schwingen wir uns wieder auf die Räder.

Das Ziel unseres 1. Radlertages in Marokko liegt etwas ausserhalb von Assilah in einem kleinen Dorf: Maison d‘hotes Berbari, ein Landgut (mit tollen Bewertungen auf booking.com). Nachdem wir zuvor auf einer wilden ruppigen Piste an vielen einfachsten Wellblechhütten vorbeigefahren sind, können wir kaum fassen, an welch magischem Ort wir hier gelandet sind. Die im Berberstil gestalteten Zimmer sind alle individuell und mit viel Liebe zum Detail ausgestattet. Und dann die Kulinarik: am offenen Kamin (am Abend ist es schon kühl) und begleitet von feiner Jazzmusik gibt es feinste cuisine marrocaine mit guter marokkanischer Weinbegleitung.

Gemanagt wird das Anwesen von Frauen: Rachida mit einem wilden Lockenkopf und Nouhaila: Dieter kriegt noch immer glänzende Augen, wenn er an die rassigen Mädels (die wirklich auf Zack sind) von Berbari denkt.

Am nächsten Tag ist am Vormittag starker Regen angesagt, daher radeln wir erst am Nachmittag los. Ziel ist die nur 10km entfernte Stadt Assilah am Atlantik. Assilah ist bekannt für seine street art – seit 1978 findet dort das street art Festival statt und viele tolle Graffiti zieren die weißen Wände der Medina. Auch hier sind wir wieder in einem sehr schönen Riad untergebracht. Dieter, ein großer Fan von street art, findet viele Fotomotive.

Die nachfolgenden Tage ist ideales Radlerwetter angesagt (max 18 Grad bei Sonnenschein)- da auch kaum Höhenmeter zu überwinden sind, planen wir Tagesetappen zwischen 90 und 100km. Es geht durch stark landwirtschaftlich genutztes Gebiet (Region Gharb) entlang der Küste: Heidelbeeren, Himbeeren (ich sehe ein Gebäude von Discrolls – sie vermarkten die Beeren auch in österreichischen Supermärkten), Zuckerrohr, Bananen, Zitrusfrüchte, Reis und Unmengen an Avocados. Viele Betriebe setzen trotz Belastung der Wasserressourcen seit ein paar Jahren vermehrt auf die grüne Frucht, um den Hunger der Europäer nach Guacamole zu stillen. 

Das Radeln ist körperlich nicht anstrengend, auf manchen Abschnitten sind aber viele Fahrzeuge (auch LKW‘s) unterwegs, sodass es eher mental belastend wird.

Und wenn Kinder am Straßenrand stehen, wollen sie immer abklatschen. Am Anfang war das ganz lustig – manche Kinder versuchen aber, einen vom Rad runter zu ziehen und dann hört sich der Spass auf. Mittlerweile strecke ich die Hand gar nicht mehr aus, weil ich Angst habe, dass ich zu Sturz komme, wenn ein 10-Jähriger meine Hand zu fassen bekommt.

Die Straßen sind ganz okay – es kann aber immer wieder vorkommen, dass plötzlich eine riesige Wasserlache (bei der keine Umfahrung möglich ist) auftaucht. Dann heissts: Augen zu und durch und hoffen, dass man nicht in ein Schlagloch (man sieht den Untergrund ja nicht) fährt. Und wenn man dann doch in einem Schlagloch landet:  kurz mit einem Fuß absteigen und sich vom Boden abstoßen, damit man die Fahrt fortsetzen kann. Glücklicherweise scheint ja fast immer die Sonne, sodass der nun waschelnasse Fuß samt Schuh wieder trocken ist.

Nach den ersten 300 Radlkilometern in Marokko (insgesamt haben wir seit dem Start in Paris vor 10 Wochen 3200 km radelnd zurückgelegt)sind wir in Kenitra angekommen. Da wir unbedingt Fes (das abseits unserer Route liegt) sehen wollen,  beschließen wir, die Räder und den Großteil des Gepäcks bei unserem Vermieter in Kenitra zu deponieren und den Zug ins Landesinnere zu nehmen. Unser Vermieter, ein ehemaliger Uni-Professor, der in Deutschland studiert hat und daher auch perfekt deutsch spricht, bringt uns dann auch noch mit dem Auto zum Bahnhof – shokran katiran!

Seit 2 Tagen sind wir nun in Fes und wohnen wieder einmal in einem beeindruckenden Riad in der Medina. Das Gassengewirr in der Altstadt mit mehr als 1000 zumeist sehr engen Gassen (unter Klaustrophobie darf man nicht leiden) ist immer wieder faszinierend. Und dann rieche ich es: Duft von Zedernholz – ich habe den angenehmen Duft seit meinem letzten Besuch in Fes vor 25 Jahren nicht mehr gerochen. Aus dem Holz werden in den Handwerksbetrieben schöne Möbel getischlert. Und weiter geht es in das Gerber- und Färberviertel. Hier ist es nicht der Duft, sondern der Gestank der Tierfelle, der einem auffällt (ein Büschel Minze vor der Nase hilft etwas). Im nächsten Viertel wird laut gehämmert – die Messing- und Kupferschmiede sind am Werken. Überall gibts was zu schauen und anschliessend lassen sich die Eindrücke in einem Café bei einer Tasse Minztee verarbeiten.

In Tanger werden die Stromzähler von Punksy gestaltet

der zerlegt gerade einen Rindskopf

zwischendurch ein Minztee

unsere wunderschöne Unterkunft am Land

Tajine mit Rindfleisch, Pflaumen, Birnen und Mandeln – dazu Gemüse und marokkanischer Rotwein

ja, so lässt sich‘s leben

Abendstimmung am Land

unser Riad in Assilah

Riad in Assilah

Dachterrasse des Riad in Assilah

street art in Assilah

nach einem ausgiebigen Frühstück im Riad gehts weiter

Arbeiter auf der Bananenplantage

Das sind Dornen eines Strauches, der überall am Straßenrand wächst – bis jetzt hatten wir in Marokko zum Glück keinen Patschen

viele Störche hier und dieser Mast ist besonders beliebt

Bab Boujloud – das Blaue Tor in Fes

in der Medina in Fes

unser bescheidenes Riad in Fes

ADIOS ESPANA

Bei der Planung der Tour von Paris nach Tarfaya gingen wir davon aus, dass wir für jedes Land ca. 1 Monat benötigen werden, sodass wir um die Weihnachtszeit am Zielort in der Sahara ankommen werden. Da man aber immer mit Überraschungen (man kann krank werden oder noch viel schlimmer einen Unfall haben, es kann über längere Zeit regnen oder man benötigt einen Ersatzteil fürs Fahrrad, der grad nicht vorrätig ist) rechnen muss, waren wir uns nicht sicher, ob wir diesen Zeitplan einhalten werden können. Und was soll ich sagen: ich sitze gerade auf der Dachterrasse eines Riads in der Kasbah in Tanger im Schatten (in der Sonne ist es mir zu heiß) und denke an Wien, wo es letzte Nacht geschneit hat. Wir sind am 21.9. in Paris gestartet, sind am 21.10. über die französisch-spanische Grenze geradelt und gestern, am 22.11. sind wir mit der Fähre von Tarifa, dem südlichsten Punkt am europäischen Festland in Tanger angekommen. Wenn das kein Timing ist.

Will man die spanische Etappe in einem Satz zusammenzufassen, dürfen die Worte „anstrengend“, „wunderschön“ und „sehenswert“ nicht fehlen. Ausnahmslos jeder Radlertag in Spanien war anstrengend, wobei nicht nur die zu bewältigenden Höhenmeter eine Rolle spielen, sondern sehr oft der lose Untergrund, auf dem man einsinkt und der einem das Gefühl gibt, dass man mit dem höchsten Gang unterwegs ist, obwohl ein mittlerer Gang drinnen ist. Oder starker Gegenwind gegen den man ankämpfen muss bzw. starker Seitenwind, der einen in die stark befahrene Fahrbahn drückt, sodass das ganze auch noch gefährlich wird. Oder auch, wenn man einmal 10km auf einer stark befahrenen Bundesstraße fährt (was sich manchmal ergibt) – der Lärm und die Geschwindigkeit der vorbeirasenden Fahrzeuge ist extrem belastend und teilweise beängstigend, sodass erleichtertes Aufatmen angesagt ist, wenn man auf eine wenig befahrene Strasse kommt.

Ich sage mir dann aber immer, dass es sicher bald besser wird und so ist es dann (zumeist) auch. Man kommt durch traumhaft schöne Orte, von denen ich bis jetzt noch nichts gehört habe, die einem viele Wow-Momente bescheren und staunen lassen. Und mit etwas Glück ergattern wir ein leistbares Zimmer in einem toll hergerichteten historischen Gebäude mit netten Gastgebern. Und so sind wir auch zufällig in Llerena bei Lola und Julio in ihrem schönen Casa Rural „Cieza de Leon“ gelandet. Llerena lag eigentlich gar nicht auf unserer geplanten Route, die Wettervorhersage zuerst 1 Tag starker Wind und dann 4 Tage Starkregen ließen uns umplanen. Wir wollten den windigen (aber sonnigen) Tag noch nützen und eine kürzere Tour planen, die dann aber in einem Ort mit Bahnhof endet, damit wir bei Regen mit dem Zug die Strecke nach Sevilla zurücklegen können. Radeln bei Gegenwind ist nicht lustig, aber 45km sollten zu schaffen sein. Wir kommen an vielen landwirtschaftlichen Anwesen vorbei, können einen Blick auf die vielen Kühe und Stiere (viele sind für die Kämpfe in den überall sichtbaren Arenen bestimmt) werfen oder uns auch über die sehr witzigen iberischen Schweine (die zu schmackhaftem „Pata Negra“, einem Rohschinken verarbeitet werden) amüsieren. Die schwarzen Tiere sind einerseits sehr schreckhaft – sobald wir mit den Fahrrädern bei ihrem Gehege vorbeifahren, stoben sie laut grunzend auseinander – um gleich im nächsten Moment wieder ganz neugierig ums Eck zu lugen.

Aber nun zurück zu Llerena und unsere tolle Unterkunft. Das „Cieza de Leon“, eine Töpferei mit Herrenhaus aus dem 14. Jahrhundert, errichtet im „Mudejar“-Stil (eine sehr sehenswerte Kombination aus maurischer und iberischer Kunst) wurde 2020 von Lola und Julio in ziemlich heruntergekommenem Zustand gekauft und anschliessend sehr geschmack- und liebevoll restauriert. Das Resultat: 7 individuell gestaltete Gästezimmer und großzügige Allgemeinflächen. Und das ganze zum wohlfeilen Preis von 90,0o € inklusive Frühstück – leider können wir nur 2 Nächte bleiben, da die Unterkunft über das Wochenende ausgebucht ist. Da der vorhergesagte Regen auch tatsächlich kommt, beschließen wir die 130km nach Sevilla mit der Bahn zurückzulegen. Die Tickets sind online einfach zu buchen – die Mitnahme der Räder im „Media Distancia“ Zug der spanischen Staatsbahnen RENFE ist kostenlos. Außer uns hat an diesem verregneten Tag ohnehin niemand ein Fahrrad dabei.

Die 700.000 Einwohner Stadt Sevilla, die Hauptstadt Andalusiens, empfängt uns im Regen und es sollte die die meiste Zeit regnerisch bleiben. Zwischendurch gibt es aber auch Sonnenfenster, sodass wir durch die Stadt flanieren und die ein oder andere Tapas-Bar aufsuchen. Außerdem will Dieter unbedingt zum Barbier (wo sonst, wenn nicht in Sevilla) und siehe da, gleich ums Eck unseres Apartments wird er fündig.

Von Sevilla ist es nicht mehr all zu weit nach Tarifa (von wo die Fähre nach Marokko abfährt) – wir beschließen einen Abstecher nach Gibraltar zu machen und so radeln wir in das britische Überseegebiet – man muss tatsächlich über das Rollfeld des Flughafens radeln, um in die Stadt zu kommen. Auch hier wieder eine etwas andere Unterkunft: diesmal sind wir in einem Hausboot im Hafen untergebracht. In Gibraltar muss natürlich der Felsen bestiegen werden: das weit verzweigte Tunnelsystem im Berg (das maßgeblich zur Verteidigung der Meerenge im 2. Weltkrieg beigetragen hat) wird von uns genauso besichtigt, wie die Makaken, die überhaupt nicht lästig und aufdringlich sind. Im Gegenteil: sie wirken alle sehr gut genährt und gepflegt – nicht so räudig, wie man es von Affen an anderen Orten gewohnt ist.

Von Gibraltar gehts dann durch viele für Andalusien typische „weiße Dörfer“ mit laut klappernden Störchen (die hier überwintern), vorbei an Palmen, Pinien und Orangenplantagen, über den einen oder anderen Berg (mit vielen knackigen Anstiegen) weiter zum südlichsten Punkt am europäischen Festland: Tarifa. Hier gehen wir noch einmal in eine Lavanderia, damit wir mit sauberer, gut riechender Wäsche in Afrika ankommen.

In der Extremadura

zwischendurch eine Panne, die schnell behoben ist

Fachsimpeln mit einem spanischen Radler

Caceres – was für eine schöne Stadt

Caceres

Merida

Lauter witzige Schweine

Lola und Julio, unsere Gastgeber in Llerena im casa rural Cieza de Leon

Zimmer im Cieza de Leon

Cieza de Leon im Mudejar-Stil

Sevilla

Sevilla

Dieter beim Barbier von Sevilla

Arcos de la Frontera – eine der weißen Städte

Fahrt über das Flugfeld in Gibraltar

MONI, DIE RASENDE SCHNECKE

Seit über einer Woche sind wir nun bereits in der autonomen Gemeinschaft Kastilien und Leon unterwegs. Zuerst noch am Camino, dann geht es weiter an den ca. 200km langen Canal de Castilla, wo ein Radweg entlang des Wassers führt. Was für ein toller Anblick! Die Natur zeigt sich in ihrem festlichen Herbstkleid und erstrahlt in Rot-, Gelb- und Orangetönen. Schlehen- (wir bleiben immer wieder stehen und naschen von den säuerlichen Früchten) und Hagebuttensträucher wechseln sich ab am Wegesrand. Man passiert Schleusen, halb verfallene Mühlen (Fans von „Lost Places“ kommen hier auf ihre Rechnung) mit Graffiti besprüht und das ganze ohne nennenswerte Höhenmeter und weit ab vom Autoverkehr. Es wäre perfekt, wäre da nicht der lose Untergrund, auf dem man radelt. Und nach einer holprigen Tagesetappe von 60km winselt der Hintern um Gnade.

Man kann gar nicht beschreiben, welch erlösendes Gefühl es ist, wenn man dann wieder auf Asphalt dahingleitet – so als ob ein Schmerz, den man die ganze Zeit gespürt hat, plötzlich nachgelassen hätte.

Am späten Nachmittag des 31. Oktober kommen wir in unserem Hotel, gleich ums Eck der Plaza Mayor in Valladolid an. Reges Treiben in der 300.000 Einwohner-Stadt – man sieht etliche Menschen in Halloween-Kostümierung. Am Abend hat man dann ohnehin das Gefühl, dass die ganze Stadt auf den Beinen ist. Die Lokale sind alle gesteckt voll – man genießt ein Glas Wein mit Pinxtos (Valladolid ist bekannt für seine exquisiten Pinxtos). Für den nächsten Tag, Allerheiligen, ist starker Regen angesagt. Das bedeutet: Rasttag für uns und Flanieren durch die sehenswerte Stadt.

Am Sonntag dafür: strahlender Sonnenschein von Früh bis spät. Wir planen eine 75km lange Etappe nach Toro, wo wir ein Zimmer in einem Stadtpalais aus dem 14. Jahrhundert gebucht haben. Irgendwie habe ich aber eine böse Vorahnung in Anbetracht der Tatsache, dass es am Vortag so stark geregnet hat. Aber zuerst geht es einmal raus aus der Stadt – an so schönen Sonntagen sieht man dann auch viele Rennradler, die das tolle Wetter ausnützen. Bald hört dann aber die Asphaltstraße auf und weiter geht es auf losem Untergrund – aufgeweicht vom Regen mit riesigen Pfützen. Es dauert nicht lange und es ist so viel Schlamm/Sand/Erdgemisch zwischen Kotflügel und Reifen, dass diese sich nicht mehr bewegen. Jetzt fluche ich einmal (oder auch zweimal) ganz laut. Dieter hilft mir, die Reifen so weit zu säubern, dass sie sich wieder drehen. Dann checkt er noch auf Komoot, ob es eine asphaltierte Alternativroute gibt. Nur eine Schnellstraße /Autobahn, wo wir nicht radeln dürfen (und auch nicht wollen in Anbetracht des Verkehrs).

Dieser Sonntag sollte der anstrengendste Tag unser bisherigen Tour werden. Obwohl nur ca. 300hm zu bewältigen waren – 45 km auf losem, feuchten Untergrund, in den man tief einsinkt, hat nicht nur mir immer wieder einen Fluch entlockt. Unsere Räder und Packtaschen waren so voller Dreck – als wir durch ein kleines Dorf radeln, werden wir ganz verwundert angeschaut.

Die letzten 20km in das auf einem Hochplateau gelegene Toro legen wir dann auf einer asphaltierten Landstraße zurück. Müde von der heftigen Fahrt freue ich mich, im wunderschönen Quartier (wie geschrieben ein Palais aus dem 14. Jhdt.) eine Badewanne vorzufinden. Jetzt einmal ein Vollbad! Und dann ab ins Stadtzentrum – wir haben Riesendurst. Bei Rosa, einer Ecuadoranerin, die eine kleine Bar betreibt, nehmen wir Platz. Für mich muss es nach so anstrengenden Touren immer ein eisgekühltes Cola sein. „Moni, aber ein Bier trinkst du auch!“ – Dieter muss mich nicht gross überzeugen. „Du bist ja die allerhärteste Socke – ich kann gar nicht fassen, wie du heute diesen Wahnsinnstrip gemeistert hast“ meint Dieter, der auch sichtlich geschafft ist. Bis jetzt hat er mich ja immer wieder mal als „Schnecke“ bezeichnet (er fährt doch etwas schneller als ich, aber schön langsam hole ich auf und bei manchen Steigungen überhole ich ihn sogar!) und ab sofort bin ich Moni, die rasende Schnecke.

In der Bar lernen wir dann auch noch den Ehemann von Rosa kennen – Segundo – auch er kommt aus Quito und die beiden leben seit 26 Jahren in Spanien. Er meint, wir müssen unbedingt ein Glas Wermut (mit hohem Alkoholgehalt) trinken. Es bleibt dann nicht bei einem Glas – nach je ca. 4 Gläsern sind wir so besoffen, dass wir uns fragen, ob wir noch aufrechten Ganges zurück in unser Quartier kommen. Kichernd und uns gegenseitig stützend schaffen wir es dann doch – ein würdiger Abschluss für einen anstrengenden Tag.

Es geht dann weiter, durch viele kleine, fast ausgestorbene Dörfer (Landflucht ist ein großes Thema) und die Landschaft verändert sich langsam. Man sieht bereits 1. Sukkulenten und Steineichen. Mittlerweile sind wir ca. 200km westlich von Madrid unterwegs (gestern waren wir in der sehenswerten Stadt Salamanca) und bewegen uns schön langsam Richtung Sevilla.

Und wir fahren jetzt auch nicht mehr nur am Eurovelo (mit großteils losem Untergrund), sondern legen viele Etappen auf einer wenig befahrenen Nationalstraße (Carretera Gijon a Puerto de Sevilla) zurück.

Castrojeriz – nach am Camino gelegen

Am Canal de Castilla

Einer der vielen „Lost Places“

Loser Untergrund

Genau diesen Untergrund will ich nicht

Eine kleine Stärkung zwischendurch (rechts Torrezno – frittierte Schwarte mit viel Fleisch dran)

unsere Unterkunft im Palais aus dem 14. Jhdt. in Toro

Toro

Nach 4 Gläsern Wermut – mich wundert, dass ich noch aufrecht gehen kann

Endlich Asphalt

Plaza Mayor in Salamanca

„QUÄL DICH, DU SAU!“

Wir sind nun seit einer Woche in den Pyrenäen unterwegs und mindestens 1x/Tag denkt man unweigerlich an den legendären Spruch, den der deutsche Radsportler Udo Bölts 1997 seinem Teamkapitän Jan Ullrich zugerufen hat, als dieser auf der Tour de France schwächelte und damit motiviert wurde, sein Bestes zu geben.

Dass viele Höhenmeter auf uns warten, war von vornherein klar. Was allerdings nicht ganz klar war: wie wird der Zustand der Radwege/Strassen in Spanien sein? Nachdem wir von Frankreich sehr verwöhnt waren, hofften wir, dass uns im südlichen Nachbarland ähnlich gute Bedingungen erwarten würden. Die ersten paar Tage waren noch ganz okay – viel Asphalt, sodass wir die Räder nach einem knackigen Anstieg einfach laufen lassen konnten. Ich tendiere ja zu bremsen, wenn es zu schnell bergab geht – Dieter heizt immer an mir vorbei mit dem höchsten Gang und dabei tritt er noch heftig in die Pedale. „Wer bremst, verliert!“ hör ich grad noch, bevor er wie die gesengte Sau hinter der nächsten Kurve verschwindet.

Ab Pamplona verläuft der Eurovélo abschnittsweise direkt am Pilgerweg nach Santiago de Compostela – das heisst kein Asphalt, sondern wie Komoot es nennt: „Verdichteter Schotter“. Das tut zwar den Wandersleuten gut – für voll beladene Trekkingradfahrer wirds spätestens dann aber anstrengend. Selbst bei leichten Steigungen hat man das Gefühl, nicht vorwärts zu kommen. Wenn dann noch Gegenwind dazu kommt, wirds richtig zermürbend und wenn man dann für 10km eine gute Stunde braucht, kann es schon vorkommen, dass man sich fragt, warum man sich das antut.

Entschädigt wird man aber mit tollen Landschaften, mit netten Begegnungen, vielen „Buen Camino“-Zurufen von Pilgern und Dorfbewohnern und wenn man am Abend todmüde ins Bett fällt, schläft man ein mit dem Gefühl, etwas Besonderes geleistet zu haben. Und die „Pintxos“ (eine Art Tapas in Nordspanien), dazu ein Glas gut gekühlter Weißwein aus der Riojaregion, die wir grad durchradeln, lässt man sich besonders gut schmecken.

Wenn wir einen Radlertag planen, checken wir zuerst das Wetter. Wenn gutes Wetter angesagt ist (kein Regen, kein starker Wind) und wir uns fit fühlen (was zumeist der Fall ist), planen wir eine Strecke von ca. 70km. Komoot spuckt uns dann auch gleich die Höhenmeter, die Wegearten (Singletrail, Radweg, Bundesstraße,…) und die Oberflächenbeschaffenheit (Asphalt, unbefestigt, verdichteter Schotter) aus. Im nächsten step schauen wir auf booking.com, ob es am Zielort eine passende Unterkunft gibt. Falls ja, wird diese gebucht – falls nein, wird die Strecke eben etwas verkürzt oder etwas verlängert.

Gestern war ein idealer Radlertag. Nach einer erholsamen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück in unserer edlen Unterkunft, einem parador (eine Unterkunft in einem historischen Gebäude – in diesem Fall ein 600 Jahre altes Kloster, in dem es 10 exklusive Zimmer gab), starteten wir um 10:00 bei frischen 3Grad und strahlendem Sonnenschein. Eingemummt mit Schal, Haube und Handschuhen dauert es nicht lange, bis eine der 3 Schichten, der Schal und die Handschuhe in den Packtaschen verschwindet. Bis zum Zielort Burgos sind es 72km mit 840 knackigen Höhenmetern. Der Großteil des Weges verläuft direkt am Jakobsweg, d.h. viel kräftezehrender grober Schotter.

Gleich am Beginn gibts eine Straßensperre – das heisst, wir müssen einen Umweg mit etlichen Höhenmetern fahren. Entschädigt werden wir durch das tolle Wetter und die wunderschöne Landschaft. Es geht durch viele kleine Dörfer, dabei überholen wir eine Menge Pilger (es sind sehr viele Japaner, Koreaner und Chinesen am Jakobsweg unterwegs) – die Pilgersaison geht schön langsam zu Ende, viele Herbergen haben bereits geschlossen.

An einem der vielen Trinkbrunnen treffen wir Daniel. Er stammt aus der Nähe von Stuttgart und ist mit seinem Hund Siggi seit über 8 Jahren in Spanien unterwegs. Seine Habseligkeiten hat er in einer Scheibtruhe (mit Solarpaneelen, sodass er sein Handy aufladen kann) und so zieht er durch das Land und hofft auf milde Spenden. Ein Leben in Deutschland, das packt er nicht mehr – speziell die dunklen Winter machen ihn fertig. Wir geben ihm eine Packung Schokokeks und einen 10 Euro Schein – er strahlt vor Glück und zeigt uns ein zahnloses Lächeln.

Weiter geht‘s – vor uns liegt noch ein langer Weg und eine heftige Steigung rauf auf 1160m. Ein ebenfalls vollbepackter Radler holt uns ein, als wir grade den vorderen Reifen meines Rades aufpumpen. Poldi kommt aus der Bretagne und ist ebenfalls unterwegs nach Santiago, bevor er im Dezember wieder zurück fährt nach Frankreich. Gemeinsam meistern wir die extrem kräfteraubende Steigung und teilen unsere Kraftspender (Poldi hat saure drops und wir haben Schokokekse und Äpfel – wir teilen alles). Der letzte Anstieg ist so arg, dass ich meine Packtaschen runternehme und extra rauftrage (Dieter hilft mir – danke schön) und dann das nun nur 15kg schwere Rad durch den groben Schotter raufschiebe. Wenn man hier rauffahren möchte, benötigt man ein e-Mountainbike.

Die letzten 37km nach Burgos sind dafür wieder angenehm – es geht entweder sanft nach unten oder eben dahin bevor wir grad zum Sonnenuntergang in der schönen Stadt ankommen, wo wir gleich neben der Kathedrale unser Quartier beziehen. Ziemlich müde – es sind doch fast 80km und 950 Höhenmeter zusammengekommen – freuen wir uns nun auf einen Rasttag (der letzte war vor 1 Woche) und auf einen Bummel durch das sehenswerte Burgos.

Unsere 1. Unterkunft im spanischen Baskenland – hier werden wir voll verwöhnt

Heute gehts durch den finsteren Tunnel

Pamplona

In der Rioja-Region

Unser feudales Nachtquartier – ein 600 Jahre altes Kloster in Santo Domingo de la Calzada

Daniel und Siggi mit Scheibtruhe unterwegs

Poldi aus der Bretagne

Burgos

Burgos

Pinxtos, dazu ein feines Glas Wein